Ein Herz im Winter
„Ein Herz im Winter”
“Un Coeur en Hiver” — “A Heart in Winter”
Frankreich 1992 – Regie: Claude Sautet – Musik: Maurice Ravel
 
Badische Zeitung
 
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Badische Zeitung, 5. Dezember 2001

Schauspielern kann jeder

Ein 15stündiger Workshop mit dem künstlerischen Leiter des Deutschen Theaters Almaty

LAHR. „Schauspielen ist gar nicht so schwer. Jeder kann es lernen“ – so lautete das Motto des Theaterworkshops am Wochenende. Teilnehmen konnte folglich praktisch jeder. Es wurden keine Vorkenntnisse vorausgesetzt und es gab auch keine Altersbeschränkungen.

Trotzdem hatte der Kurs ein hohes Niveau, da Kulturamtsleiter Gottfried Berger den künstlerischen Leiter des Deutschen Theaters Almaty (DTA) engagiert hatte. Durch Zuschüsse des Kulturamtes konnte der rund 15-stündige Kurs zu einem sehr erschwinglichen, für Jugendliche sogar noch ermäßigten Preis angeboten werden. Insgesamt nahmen zehn Theaterinteressierte zwischen 13 und 39 Jahren daran teil. Für einige von ihnen war der Schauspiellehrer, der sich schlicht Freitag nennt, kein Unbekannter. Einerseits, weil er vor einem Jahr schon einmal einen Workshop in Lahr geleitet hat. Andererseits, weil er mit dem DTA am Samstag vor einer Woche im Schlachthof mit dem Stück „Lügner“ viel Beifall geerntet hat (BZ berichtete).

Am Freitag abend ging es los: Alle sollten sich im Kreis aufstellen und erst einmal reihum nachmachen, was der Schauspiellehrer ihnen vormachte. Er klatschte, schnippte mit den Fingern oder stampfte rhythmisch mit dem Fuß auf und bat seine Schüler, nacheinander das gleiche zu tun, ohne den vorgegebenen Takt zu unterbrechen. Dadurch entstand schnell ein Gefühl der Gruppenzusammengehörigkeit, das durch die folgende Übung noch verstärkt wurde: Man sollte mit zunehmender Geschwindigkeit jemandem aus der Runde einen fiktiven Ball zuwerfen, dabei seinen Namen sagen und ihm fest in die Augen sehen. Sekundenschnell prägten sich die Teilnehmer dadurch nicht nur alle Namen ein, sondern sollten auch Folgendes beherzigen: „Es ist wichtig, sich konkret an ein Gegenüber zu wenden, präzise zu sein, nur dann wird man auch als Schauspieler wahrgenommen“, so Freitag, der gerne Prinzipien der russischen und der europäischen Schauspielschule verbindet.

Danach wurde den Profis „auf die Finger geguckt“. Anhand von zwei Filmszenen aus mitgebrachten Videofilmen der Schüler sollte gutes und schlechtes Schauspiel festgemacht werden. Das positive Beispiel stammte aus dem Film „Ein Herz im Winter“ von dem französischen Regisseur Claude Sautet. Eine Frau (Emannuelle Béart) macht einem Mann (Daniel Auteuil) eine Liebeserklärung und wird von ihm abgewiesen. Die Kursteilnehmer sollten darauf achten, wie glaubwürdig und stimmig die Szene ist. Als Negativbeispiel stand „Der Mann mit der eisernen Maske“ auf dem Programm. Trotz der Stars sorgten einzelne Szenen bei den Anwesenden für schallendes Gelächter. Es wurde analysiert, warum beispielsweise John Malkovich auf unfreiwillig komische Weise erstochen wurde, Leonardo Dicaprio als feudaler König so unglaubwürdig war.

Die gewonnenen Erkenntnisse sollten dann in Übungen umgesetzt werden. Beispielsweise sollte man – von draußen kommend – an wortlos gespielten Szenarien erkennen, was geschieht und welche Rolle man selbst einnimmt. Einmal sollten sich die Schauspielschüler in die Rollen von Meisterdieb und blindem Schatzwächter versetzen. Zunächst durfte der „blinde“ Schatzwächter eine Augenbinde tragen, später musste er sich mit offenen Augen wie ein Blinder verhalten. An der Aufmerksamkeit der zusehenden Kursteilnehmer konnte man ablesen, ob genügend Glaubwürdigkeit und damit Spannung erzeugt wurde.

Ein wenig traurig verabschiedeten sich die Kursteilnehmer, die nun „Blut geleckt hatten“, am Sonntag nachmittag: Noch steht in den Sternen, ob sich aus dem Kurs eine feste Theatergruppe machen lässt. Als Integrationsprojekt zwischen Lahrern und Russlanddeutschen könnte eine solche Theatergruppe subventioniert werden.

von Iris Wurth
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letzte Änderung: 18.07.2004