Ein Herz im Winter
„Ein Herz im Winter”
“Un Coeur en Hiver” — “A Heart in Winter”
Frankreich 1992 – Regie: Claude Sautet – Musik: Maurice Ravel
 
Focus
 
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Focus – Das moderne Nachrichtenmagazin, Nr. 40/1993 vom 4. Oktober 1993, Seite 108 (Film)

Irrungen der Gefühle

{untertitel}

Es ist nicht zu übersehen, daß es diesem Film vor allem um Farben und Temperaturen geht: Rot und Blau sind die einzigen kräftigen Farbtöne, die Regisseur Sautet häufig verwendet. Wie die Skala eines Thermometers setzt er sie ein, um die Emotionen seiner Figuren zu messen.

Als Stéphane (Daniel Auteuil), der gegenüber Camille (Emanuelle Béart) behauptet, noch nie geliebt zu haben, zum erstenmal spontan handelt und bei strömendem Regen über eine Straße läuft, huschen immer wieder rote und blaue Schirme durchs Bild. In ähnlicher Weise geraten Stéphanes Gefühle durcheinander. Für einen Moment scheint es so, als würde er sich tatsächlich für Camille erwärmen können, doch dann kehrt sein Herz in den alten Aggregatzustand zurück.

Stéphane ist Geigenbauer, Camille Violinistin. Zwischen ihnen steht Maxime (André Dussollier), Stéphanes Arbeitgeber und Camilles Liebhaber. Die Blicke der drei verraten schon frühzeitig, daß sich ihre Beziehung verändert: wenn Stéphane Camille kaum noch aus den Augen läßt, nachdem er sie das erste Mal gesehen hat, wenn Camille, während sie Geige spielt, immer wieder zu ihm hinübersehen muß und wenn Maxime gedankenverloren ins Leere schaut, als ahne er bereits, daß bald nichts mehr so sein wird wie zuvor.

Dies alles bleibt zunächst unausgesprochen, denn Camille ist zu stolz, um sich zu ihren Gefühlen zu bekennen. Doch während die äußere Kühle bei ihr nur eine Maske ist, ist sie bei Stéphane Ausdruck völliger Leidenschaftslosigkeit. Er bringt Camille dazu, sich in ihn zu verlieben — aber nicht, weil er sie liebt, sondern um sie zurückzuweisen.

Im Grunde ist dies eine genaue Umkehrung der Konstellation vieler Sautet-Filme, in denen Männer durch Frauen aus dem Gleichgewicht gebracht werden, wie in „Cesar und Rosalie” (1972), in dem Romy Schneider zwischen ihren Liebhabern (gespielt von Yves Montand und Sami Frey) wie die Souveränität in Person wirkt.

Claude Sautet hat sich mit Filmen wie „Die Dinge des Lebens” (1969), „Mado” (1976) oder auch „Eine einfache Geschichte” (1977) als genauer Beobachter komplexer menschlicher Beziehungen einen Namen gemacht.

Das Personal seiner Geschichten stammt – wie Sautet selbst – aus dem gehobenen Bürgertum, und besonders hierzulande hat man ihm immer ein affirmatives Verhältnis zur eigenen Klasse vorgeworfen. Jeder neue Film von Sautet wurde meist unreflektiert abgelehnt; hingegen man Chabrols Abrechnungen mit der Bourgeoisie applaudierte.

Doch nichts liegt Sautet ferner, als seine Figuren zu denunzieren. Vielmehr zeichnet es ihn gerade aus, daß er sie beschreibt, ohne sie zu beurteilen. Wenn er den Blick – oft minutenlang – von der Straße durch die Fensterscheibe eines Bistros auf sie richtet (eine typische Sautet-Einstellung), dann stellt er zu ihnen ganz bewußt einen Moment der Distanz her, ohne sie jemals wie „Insekten in einem Glaskäfig” (Fassbinder über Chabrol) zu betrachten.

In „Ein Herz im Winter” schneidet Sautet meist erst dann, wenn die Figuren das Bild verlassen haben, und gibt dem Zuschauer auf diese Weise immer wieder für einen kurzen Augenblick die Möglichkeit, das Geschehen zu rekapitulieren, ohne von ihrer Gegenwart beeinflußt zu sein. Dies sind auch immer Momente des Atemholens, denn die Darstellungen der drei Hauptakteure sind – wie fast immer bei Sautet – von einer Intensität, der man sich schwerlich entziehen kann. Emanuelle Beàrt, Daniel Auteuil und André Dussollier sind noch besser eingespielt als die drei Musiker, denen wir im Laufe des Films bei der Arbeit zusehen und zuhören dürfen.

In der letzten Einstellung sitzt Stéphane allein in einem Bistro, und eine langsame Abblende läßt ihn in seiner Einsamkeit zurück. Wir haben erfahren, daß er nicht herzlos, sondern kaltherzig ist, aber wir wissen nicht, ob der Winter, den er durchlebt, je vorübergehen wird.

von Lars-Olav Beier, © Focus Verlag und Redaktion
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letzte Änderung: 18.07.2004