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Frankfurter Rundschau, 9. Oktober 1993, Seite 8
Der Körper der Geige
Die Kunst, das Leben, die
Liebe in Claude Sautets Film Ein Herz im Winter
Unter den Streichinstrumenten
gilt das Cello gemeinhin als das erotischste, Maler und Filmemacher
haben das Publikum davon in Kenntnis gesetzt. Doch auch seine kleine
Schwester, die Geige, hat ihre Reize und ist zudem handlicher. In
Alain Resnais' Film Melo tritt André Dussollier, der Mann
mit dem charmanten Haifischlächeln, als Vilolinvirtuose auf, dem
die Frau des Kollegen und Freundes nicht widerstehen kann; es entspinnt
sich, wie der Titel zu Recht verspricht, ein Melodram.
Dussollier
ist nun in Claude Sautets Ein Herz im Winter der Patron eines kleinen,
feinen Geigenbauunternehmens, der Marketingmann, während den Handwerker
und Erbauer Daniel Auteuil gibt, eine der vielseitigsten Schauspieler-Begabungen
des neueren französischen Films, der bei Sautet schon in Einige
Tage mit mir spielte und in Coline Serreaus Milch und Schokolade
zu sehen war: ein dunkler, mediterran-bäuerlicher Typ, der Schurken
wie Grübler gleichermaßen überzeugend darzustellen versteht. Er
also ist der Künstler in diesem Geigenbauer-Gespann, liebevoll wendet
er das Instrument hin und her, entkleidet es seiner Decke und des
Stegs, fährt sanft und kennerisch die Formen nach, trägt behutsam
den zweifellos wohlriechenden Leim auf, und am Ende hört er fast
besser als der Instrumentalist selbst, ob Körper und Klang wirklich
optimal einander angepaßt, aufeinander eingespielt sind.
Stéphane,
so heißt dieser ernste Mensch und Diener der Kunst, wohnt hinter
der Werkstatt und führt augenscheinlich nichts, was den Namen Privat-,
gar Liebesleben verdienen würde.
Sein Kompagnon Maxime hingegen,
der zwar kennerisch dessen Tönen lauscht, aber keinerlei haptisch-erotische
Beziehung zum Instrument hat, geht eine Beziehung zur schönen Camille
ein, Kundin des Unternehmens und hoffnungsvolle Nachwuchsgeigerin.
Die zwei sind ein Paar, sie lassen eine gemeinsame Wohnung einrichten,
aber merkwürdig: sie tauschen Küsse wie gute Bekannte bei einer
zufälligen Begegnung, und die einzige Szene im Bett zeigt den erwachenden
Maxime, der nach kurzem Schnuppern an der Beiliegerin aufsteht, den
Morgenkaffee zu bereiten.
Man weiß zu diesem Zeitpunkt bereits, daß
zwischen der holden Camille und dem verschatteten Stéphane
sich mehr abspielt als Worte besagen. Und just in diesem Moment gibt
Sautet einen kleinen Wink: Stéphane ruft zu dieser frühen
Morgenstunde an, Maxime greift schnell zum Telefon, auf daß es die
schlafende Camille nicht störe, die aber ist wach und will wissen,
wer angerufen hat. Es ist dies die delikateste, intimste Situation
in einem sich abzeichnenden Dreieck, und es ist bezeichnenderweise
keine physisch direkte, sondern sozusagen eine Live-Schaltung.
Für
Claude Sautets Verhältnisse eine nachgerade elegante Sequenz, er
bewegt sich sonst gewohnt biederen Schritts auf dem breiten, geradeaus
führenden Weg des Erzählkinos, in dem Kamera und Bild eher die Funktion
von Bediensteten haben, kein Vergleich etwa mit den kunstvollen kinematographischen
Forschungsreisen eines Michel Deville auf thematisch aehnlichem Terrain
(Gefahr im Verzug, Die Vorleserin). Wer bei Sautet spricht, wird
immer groß und gleich hergezeigt; Schnitt/Gegenschnitt, vielleicht
noch eine gemächliche Kamerafahrt. Kein Geheimnis, nichts anderes
in den Bildern, gar hinter ihnen. Der Regisseur vertraut ganz auf
die Wirkung der Gesichter seiner Hauptdarsteller, und sie enttäuschen
nicht.
Die Mimik, ob regungslos oder mit minimalen Veränderungen,
die Blicke, die Kopfhaltung: hier spielen sich die inneren Kämpfe
ab, von denen das äußere Bild schweigt. Und hier ist die Domäne
von Emmanuelle Béart.
Dem Gedächtnis noch frisch eingepraegt
als Rivettes Schöne Querulantin in ihrer Begegnung mit Michel Piccolis
dämonisch-sinnlichem Malerfürsten, tritt sie auf zunächst in porzellanener
Sprödigkeit, eine zugleich abweisende und anlockende Madonna, deren
mädchenhafter Schmollmund sich beim Umgang mit dem Instrument zu
energischer Kontur strafft.
Auch Stéphane ist, fast wider Willen,
von ihr fasziniert, doch verkörpert sich ihre Erotik fuer ihn in
ihrer Musikalität. Zwei perfekt aufeinander (von ihm!) abgestimmte
Körper: die Geige und die Spielerin. Auf Camilles Signale reagiert
er nicht, tumb nimmt er alles nur wörtlich-oberflächlich; auf das
Geständnis ihres Begehrens antwortet er mit stammelnden Selbstbezichtigungen
der Unfähigkeit zu lieben, zu tiefen Gefühlen. Klagelaute eines,
der sich selbst zur Impotenz verdammt.
Stéphane, so scheint
es, kann nur die Schwingungen der Saiten aufnehmen und perfektionieren,
andere empfindet er nicht; das Echo auf sich selbst nimmt er nicht
wahr oder ignoriert es quasi ein Schwarzes Loch seiner selbst. Wer
mag, kann auch sagen: Ein Leben für die Kunst.
Doch warum sollte
das eine das andere ausschließen? Daß eben kein Honigschlecken,
sondern Auseinandersetzung mit Nahestehenden, also auch mit sich selbst
ist, zeigt Sautet in kleinen Konstellationen am Rande der Hauptgeschichte.
Auch hier inszeniert er herkömmlich, aber, ja: herzlich. So wie in
den Musikszenen, für die sich Emmanuelle Béart famos präpariert
hat. Wer hernach nicht Ravels Trio für Klavier, Cello und Violine
sofort und ganz hören will: der hat den Film nicht gesehen. (Harmonie,
Olympia)
PS: Eine gute Nachricht aus dem richtigen Leben, nämlich dem
Presseheft zum Film, sei nicht unterdrückt. Dort steht: Daniel
Auteuil, Emmanuelle Béart: Bei den Dreharbeiten zu Edouard
Molinaros L'amour en douce haben sie sich 1984 das erstemal getroffen,
kurze Zeit später wieder, 1985, bei Manons Rache von Claude Berri,
und seitdem sind sie ein glückliches Paar, das seit kurzem ein
Kind gemeinsam hat. Nun beschaffen wir uns auch noch Ravels Sonate
für Violine und Violoncello.
von Helmut Schmitz
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