Ein Herz im Winter
„Ein Herz im Winter”
“Un Coeur en Hiver” — “A Heart in Winter”
Frankreich 1992 – Regie: Claude Sautet – Musik: Maurice Ravel
 
Die Presse
 
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Die Presse, 11. Januar 1994, Ressort: Kultur

Wie man Geigen und Herzen zerlegt

„Ein Herz im Winter”: Man würde Claude Sautet beleidigen, bezeichnete man seinen neuen Film als bloße Variante der im französischen Film so bewährten Dreiecksgeschichten.

Stéphane (Daniel Auteuil) ist Geigenbauer, eine stille Größe, die, zurückgezogen ins Halbdunkel ihrer Werkstatt, den perfekten Klang erzeugt. Selbst spielt Stéphane nicht Geige; er steht abseits — nicht als verhinderter Virtuose, sondern in frei gewählter, bescheidener Unantastbarkeit. Als sachlich distanzierter Beobachter nimmt er am Liebesleben seines Partners Maxime (André Dussolier) teil, ohne selbst je wirkliches Interesse an solchen Affären zu zeigen. Als Maxime sich mit der in jeder Hinsicht erfolgreichen jungen Violistin Camille (Emmanuelle Béart) liiert, beginnt Stéphane sich ihr überraschend mit der kühlen Zurückhaltung des Routiniers zu nähern, der seiner Sache vollkommen sicher zu sein scheint. Und tatsächlich verliebt Camille sich rasend in ihn, wirft sich ihm geradezu an den Hals, um von ihm schließlich hören zu müssen: „Ich wollte Sie verführen, ohne Sie zu lieben… Es war für mich nur ein Spiel.”

Nun sind solche Eroberungsgebaren weder originell noch zeugen sie von besonderer charakterlicher Brillanz. Konsequent vermeidet Regisseur Claude Sautet es, das Handeln seines Protagonisten als freizeitsportliches Ereignis zu inszenieren — und nicht nur das macht „Ein Herz im Winter” zu einem Juwel des Erzählkinos. Wesentlich trägt auch Hauptdarsteller Daniel Auteuil, der die Rolle des Stéphane mit der kühlen Würde des bemitleidenswert Verfehlenden einkleidet, zur beinahe lückenlosen Stimmigkeit dieser filmischen Existenz- und Charakterstudie bei. Als würde Stéphane sorgfältig eine Geige zerlegen, öffnet er Camilles Herz mit emotionsloser Ruhe. Sein Gesicht gibt keinerlei Regungen preis, und nur die äußerst aufmerksame Kamera bietet sich zuweilen als eine Art Lesehilfe bei der Entzifferung von Stéphanes Intentionen an. Und schließlich entdeckt man, daß dieser Mann weniger sein Wesen verbirgt, als daß es diesem Wesen vollends entspricht, in keinerlei emotionalen Kontakt mit seiner Mitwelt zu treten.

Sautet macht aus dieser Figur weder einen Helden noch ein Ekel. Wie seine Hand, die am Anfang des Films aus dem Dunkel hervorlangt, um sich behutsam einer Geige anzunehmen, taucht Stéphane ambitionslos aus dem Dunkel, das er selbst ist — und im Film als atmosphärische Konstante umseine Person herum angelegt wurde. Doch auch wenn er sich schließlich soweit erkannt hat, um zu gestehen: „etwas in mir ist tot”, geschieht nichts, was ihn aus seiner stoischen Gleichgültigkeit befreite. Am Ende des Films geleitet das Geschehen sanft ins Nichts ab — wie eine unprätentiöse Zufälligkeit im ruhigen Gleichmaß des Filmverlaufs; wie ein Tod, der sich kaum wesentlich von einem Leben unterscheidet, dessen Kern die existentielle Leere ist.

von Robert Buchschwenter
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letzte Änderung: 18.07.2004