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Die Presse, 11. Januar 1994, Ressort:
Kultur
Wie man Geigen und Herzen
zerlegt
Ein Herz im Winter: Man würde
Claude Sautet beleidigen, bezeichnete man seinen neuen Film als
bloße Variante der im französischen Film so bewährten
Dreiecksgeschichten.
Stéphane (Daniel Auteuil) ist Geigenbauer, eine stille Größe,
die, zurückgezogen ins Halbdunkel ihrer Werkstatt, den perfekten
Klang erzeugt. Selbst spielt Stéphane nicht Geige; er steht abseits
nicht als verhinderter Virtuose, sondern in frei gewählter,
bescheidener Unantastbarkeit. Als sachlich distanzierter Beobachter
nimmt er am Liebesleben seines Partners Maxime (André Dussolier)
teil, ohne selbst je wirkliches Interesse an solchen Affären
zu zeigen. Als Maxime sich mit der in jeder Hinsicht erfolgreichen
jungen Violistin Camille (Emmanuelle Béart) liiert, beginnt Stéphane
sich ihr überraschend mit der kühlen Zurückhaltung
des Routiniers zu nähern, der seiner Sache vollkommen sicher
zu sein scheint. Und tatsächlich verliebt Camille sich rasend
in ihn, wirft sich ihm geradezu an den Hals, um von ihm schließlich
hören zu müssen: Ich wollte Sie verführen, ohne
Sie zu lieben
Es war für mich nur ein Spiel.
Nun sind solche Eroberungsgebaren weder originell noch zeugen
sie von besonderer charakterlicher Brillanz. Konsequent vermeidet
Regisseur Claude Sautet es, das Handeln seines Protagonisten als
freizeitsportliches Ereignis zu inszenieren und nicht nur das
macht Ein Herz im Winter zu einem Juwel des Erzählkinos. Wesentlich
trägt auch Hauptdarsteller Daniel Auteuil, der die Rolle des
Stéphane mit der kühlen Würde des bemitleidenswert Verfehlenden
einkleidet, zur beinahe lückenlosen Stimmigkeit dieser filmischen
Existenz- und Charakterstudie bei. Als würde Stéphane sorgfältig
eine Geige zerlegen, öffnet er Camilles Herz mit emotionsloser
Ruhe. Sein Gesicht gibt keinerlei Regungen preis, und nur die äußerst
aufmerksame Kamera bietet sich zuweilen als eine Art Lesehilfe bei
der Entzifferung von Stéphanes Intentionen an. Und schließlich
entdeckt man, daß dieser Mann weniger sein Wesen verbirgt,
als daß es diesem Wesen vollends entspricht, in keinerlei
emotionalen Kontakt mit seiner Mitwelt zu treten.
Sautet macht aus dieser Figur weder einen Helden noch ein Ekel.
Wie seine Hand, die am Anfang des Films aus dem Dunkel hervorlangt,
um sich behutsam einer Geige anzunehmen, taucht Stéphane ambitionslos
aus dem Dunkel, das er selbst ist und im Film als atmosphärische
Konstante umseine Person herum angelegt wurde. Doch auch wenn er
sich schließlich soweit erkannt hat, um zu gestehen: etwas
in mir ist tot, geschieht nichts, was ihn aus seiner stoischen
Gleichgültigkeit befreite. Am Ende des Films geleitet das Geschehen
sanft ins Nichts ab wie eine unprätentiöse Zufälligkeit
im ruhigen Gleichmaß des Filmverlaufs; wie ein Tod, der sich
kaum wesentlich von einem Leben unterscheidet, dessen Kern die existentielle
Leere ist.
von Robert Buchschwenter
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