Ein Herz im Winter
„Ein Herz im Winter”
“Un Coeur en Hiver” — “A Heart in Winter”
Frankreich 1992 – Regie: Claude Sautet – Musik: Maurice Ravel
 
Salzburger Nachrichten
 
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Salzburger Nachrichten, 17. Februar 1994

Das Leben geht weiter, auch jenseits aller Wunschträume

Liebesgeschichte „Ein Herz im Winter” von Claude Sautet

Musik ist ihre Leidenschaft. Sonst verbindet Maxime und Stéphane, zwei gewiefte Geigenbauer, recht wenig. Stéphane lebt mit und für seine Arbeit, Maxime überläßt seinem Partner in schwierigen fachlichen Fragen das Feld. Abends geht Maxime längst seine eigenen Wege, Affären behält er für sich. Bis eines Tages Camille in sein Leben tritt, die begnadete Violinvirtuosin, eine elegante Erscheinung, die sich ihrer Wirkung bewußt ist.

Camille wird Kundin im Geschäft von Maxime und Stéphane, der von der Geliebten seines Partners zunächst kaum Notiz nimmt. Die von sich ganz schön eingenommene Camille ist von dem Desinteresse Stéphanes offensichtlich irritiert. Den spröden, in sich gekehrten Mann in den besten Jahren läßt die Schönheit aber nicht so „kalt” wie es scheint, denn plötzlich interessiert er sich doch für die Geige der Künstlerin und besucht sie sogar im Aufnahmestudio. Funkt es schließlich zwischen den beiden oder nicht?

Claude Sautets neuer Film, eine klassische Dreiergeschichte, verzichtet auf jeglichen kommerziellen Schliff, sogar auf jene atmosphärische Stimmigkeit, mit der französische (Liebes-)Filme ihre Pendants aus Hollywood mit Leichtigkeit zu distanzieren pflegen. Nüchtern, sachlich, fernab von Emotionen und Sentimentalitäten wird die Geschichte entwickelt, wird gezeigt, wie zwei Menschen für einander Interesse entwickeln, ohne sich darüber bewußt zu sein, warum und wieso.

Camilles zarte Empfindungen für Stéphane verdichten sich rasant, bis zum Eklat. Das Objekt der Begierde, bei Sautet ist es der Mann, pocht auf seine Empfindungslosigkeit: „Ich liebe Sie nicht”. Nicht nur das, er liebt gar niemanden, vor allem sich selbst nicht, und Maxime – mit dem er Squash spielt, trinkt und oft zusammen ist – ist nur Geschäftspartner, keineswegs ein Freund.

Stéphane weiß um seine triste Lage, unter der er nicht wirklich leidet, er hat resigniert: „Ich bin immer zu spät dran, schon so lange. Ich fühle, daß ich nicht die anderen kaputtmache, sondern mich.”

Über das Gezeigte und Gesagte hinaus eröffnet schlägt die Musik von Ravel eine verborgene Saite an; die sich verändernden Klangfarben des einmal schrillen, dann wieder sanftmütigen Violinentons üben eine Sogwirkung aus, die den Zuschauer angesichts der nüchternen Bildsprache unvorbereitet, dafür umso wohltuender trifft. Leichte Brüche in der Handlung, etwa in der Szene im Cafè, wenn Stéphane und Camille einander erstmals näherzukommen scheinen, unterstreichen die Natürlichkeit des Geschehens.

„Ein Herz im Winter” ist ausnahmsweise ein gelungener Filmtitel für einen gelungenen Film. Dieser lehrt, daß das Leben auch dann weitergeht, wenn man seine Wunschträume nicht erfüllen kann — eine Erkenntnis, die für Camille ebenso gilt wie für Stéphane. Und er zeigt, wie sensibel menschliche Beziehungen sind, daß sie sich nicht nach Belieben formen oder fordern lassen. Vor allem aber beweist Sautets neuer Streich, daß der europäische Film, namentlich der französische, immer wieder Meisterliches hervorzubringen versteht. So etwas kann man nicht erlernen, sondern höchstens verlernen.

Die betörende Schönheit Emannuelle Béarts, der herbe Charme Daniel Auteuils – die beiden sind in Wirklichkeit verheiratet, man glaubt es nicht – sowie André Dussolier prägen diesen bedeutendenden, um nicht zu sagen überragenden Film.

von Pierre A. Wallnöfer
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letzte Änderung: 18.07.2004