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Salzburger Nachrichten, 17. Februar 1994
Das Leben geht weiter,
auch jenseits aller Wunschträume
Liebesgeschichte Ein Herz
im Winter von Claude Sautet
Musik ist ihre Leidenschaft. Sonst verbindet Maxime und Stéphane,
zwei gewiefte Geigenbauer, recht wenig. Stéphane lebt mit und für
seine Arbeit, Maxime überläßt seinem Partner in
schwierigen fachlichen Fragen das Feld. Abends geht Maxime längst
seine eigenen Wege, Affären behält er für sich. Bis
eines Tages Camille in sein Leben tritt, die begnadete Violinvirtuosin,
eine elegante Erscheinung, die sich ihrer Wirkung bewußt ist.
Camille wird Kundin im Geschäft von Maxime und Stéphane,
der von der Geliebten seines Partners zunächst kaum Notiz nimmt.
Die von sich ganz schön eingenommene Camille ist von dem Desinteresse
Stéphanes offensichtlich irritiert. Den spröden, in sich gekehrten
Mann in den besten Jahren läßt die Schönheit aber
nicht so kalt wie es scheint, denn plötzlich interessiert
er sich doch für die Geige der Künstlerin und besucht
sie sogar im Aufnahmestudio. Funkt es schließlich zwischen
den beiden oder nicht?
Claude Sautets neuer Film, eine klassische Dreiergeschichte, verzichtet
auf jeglichen kommerziellen Schliff, sogar auf jene atmosphärische
Stimmigkeit, mit der französische (Liebes-)Filme ihre Pendants
aus Hollywood mit Leichtigkeit zu distanzieren pflegen. Nüchtern,
sachlich, fernab von Emotionen und Sentimentalitäten wird die
Geschichte entwickelt, wird gezeigt, wie zwei Menschen für
einander Interesse entwickeln, ohne sich darüber bewußt
zu sein, warum und wieso.
Camilles zarte Empfindungen für Stéphane verdichten sich
rasant, bis zum Eklat. Das Objekt der Begierde, bei Sautet ist es
der Mann, pocht auf seine Empfindungslosigkeit: Ich liebe Sie nicht.
Nicht nur das, er liebt gar niemanden, vor allem sich selbst nicht,
und Maxime mit dem er Squash spielt, trinkt und oft zusammen ist
ist nur Geschäftspartner, keineswegs ein Freund.
Stéphane weiß um seine triste Lage, unter der er nicht
wirklich leidet, er hat resigniert: Ich bin immer zu spät
dran, schon so lange. Ich fühle, daß ich nicht die anderen
kaputtmache, sondern mich. Über das Gezeigte und Gesagte hinaus eröffnet schlägt
die Musik von Ravel eine verborgene Saite an; die sich verändernden
Klangfarben des einmal schrillen, dann wieder sanftmütigen
Violinentons üben eine Sogwirkung aus, die den Zuschauer angesichts
der nüchternen Bildsprache unvorbereitet, dafür umso wohltuender
trifft. Leichte Brüche in der Handlung, etwa in der Szene im
Cafè, wenn Stéphane und Camille einander erstmals näherzukommen
scheinen, unterstreichen die Natürlichkeit des Geschehens.
Ein Herz im Winter ist ausnahmsweise ein gelungener Filmtitel
für einen gelungenen Film. Dieser lehrt, daß das Leben
auch dann weitergeht, wenn man seine Wunschträume nicht erfüllen
kann eine Erkenntnis, die für Camille ebenso gilt wie für
Stéphane. Und er zeigt, wie sensibel menschliche Beziehungen sind,
daß sie sich nicht nach Belieben formen oder fordern lassen.
Vor allem aber beweist Sautets neuer Streich, daß der europäische
Film, namentlich der französische, immer wieder Meisterliches
hervorzubringen versteht. So etwas kann man nicht erlernen, sondern
höchstens verlernen.
Die betörende Schönheit Emannuelle Béarts, der
herbe Charme Daniel Auteuils die beiden sind in Wirklichkeit verheiratet,
man glaubt es nicht sowie André Dussolier prägen diesen
bedeutendenden, um nicht zu sagen überragenden Film.
von Pierre A. Wallnöfer
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