Ein Herz im Winter
„Ein Herz im Winter”
“Un Coeur en Hiver” — “A Heart in Winter”
Frankreich 1992 – Regie: Claude Sautet – Musik: Maurice Ravel
 
Der Standard
 
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Der Standard, Wien, 7. Januar 1994, Seite 11

Ein konturloser Held unserer Zeit

Der französische Schauspieler Daniel Auteuil in Claude Sautets Film-Melodram „Ein Herz im Winter”

Die Zeiten, in denen einsame Männer durch Film Noirs taumelten, sind vorbei. Frankreichs Regie-Altstar Claude Sautet präsentiert nun mit seinem neuen Melodram „Ein Herz im Winter” ein gelungenes Beispiel für eine neue „graue Serie”.

Ein Abendessen unter Freunden. Man tratscht, lacht und ist um ein intellektuelles Niveau bemüht, das – angeblich – keine Banalität zuläßt. So kommt es, wie es bei solchen Gelegenheiten kommen muß. Aus dem heiteren Gerangel um die Nachspeise erhebt sich die ein wenig selbstgefällige Klage über „eine nie dagewesene Konfusion”. Über eine Konturlosigkeit, kraft der Graffitis mit Piero della Francesca, Videoclips mit Ravel-Sonaten verglichen werden. „Entsetzlich, dieser kollektive Konsens!”

Nur auf den ersten Blick scheint der französische Regisseur Claude Sautet in seinem neuen Film „Ein Herz im Winter” den Kulturpessimismus zu teilen. Das einstige Aushängeschild eines gepflegten, pflegeleichten Unterhaltungskinos („Die Dinge des Lebens”, „Cásar und Rosalie”) schottet die Pariser Dreiecksgeschichte, die er diesmal erzählt, sorgfältig ab gegen den Lärm der 90er Jahre. In der Abgeschiedenheit städtischer Innenräume demonstriert er aber, daß die eigentliche Konturlosigkeit viel versteckter angesiedelt ist.

Paradoxerweise hat nämlich gerade seine Hauptfigur den bildungsbürgerlichen Ergüssen, die sich vor der Kamera von Yves Angelo zu wohlformulierten, dezent rythmisierten Dialogen formieren, wenig hinzuzufügen.

Ein Stadt-Eremit

Dabei scheint sich der introvertierte Geigenbauer Stéphane (Daniel Auteuil) – zumindest für Außenstehende – exemplarisch der Konzentration auf essentielle Werte hinzugeben: Der Materialität der Instrumente, den Saitenklängen, dem Tempo einer Sonate von Ravel. Gleich zu Beginn des Films führt ihn Sautet als Kläusner des Kunsthandwerks ein. Im stillen Halbdunkel restauriert er völlig versunken eine alte Violine. Doch gerade Stéphane scheint keine Meinung zur verleugneten Sensibilität des Individuums zu haben. Es fehle ihm an gutem Willen zu Diskussionen, sagt er, worauf ihn die Violinistin Camille (Emmanuelle Béart) der Feigheit verdächtigt: „Schweigt man, riskiert man nichts und kann sogar einen intelligenten Eindruck hinterlassen.”

Unter diesem Aspekt riskiert „Ein Herz im Winter” in weiterer Folge einiges. Wenn Camille, die mit Stéphanes Partner Maxime (André Dussolier) liiert ist, sich in weiterer Folge dennoch in Stéphane verliebt, dann nimmt das Fragen nach individuellen Befindlichkeiten kein Ende.

Doch – und hier wird dieser mitunter ein wenig zu wertvoll gestaltete Film erstaunlich und faszinierend – alle Welterklärungen werden aufgesogen von einem schwarzen Loch: Dem undurchdringlichen Stoizismus, mit der Daniel Auteuil formidabel in jedem Film Noir der 40er reüssieren könnte.

Ehrlichkeit, Feigheit oder manipulative Strategie? Nach der Lektüre einer Novellensammlung von Michail Lermontow („Ein Held unserer Zeit”) habe sich, so Sautet einmal in einem Interview, in ihm lediglich eine Idee festgesetzt. „Die Idee von einem Mann, der eine Frau dazu bringt, ihn zu lieben nur des perversen Vergnügens wegen, damit er ihr dann sagen kann: ‘Ich liebe Sie nicht’.”

In Auteuils freundlicher – und wie er selbst einmal sagt: „professioneller” – Aufmerksamkeit ist dieser Sadismus nicht unbedingt nachvollziehbar. Sein Blick scheint vielmehr unverwandt auf unsichtbare Barrieren gerichtet, die er nicht beiseiteräumen kann. Stéphane, der zwar seinem Lehrling auf anrührende Weise verbunden und seinem früheren Musiklehrer (Maurice Garrel) in kindlicher Treue zugetan ist, vermag, scheint's, tatsächlich jene Liebe nicht zu bekennen, für die er die schützende Isolierung ablegen müßte.

Er ähnelt in dieser monströsen Unfähigkeit einem anderen Mann ohne Eigenschaften des jüngeren Erzählkinos. So wie William Hurt in Lawrence Kasdans „Reisen des Mr. Leary” ist auch Auteuils „verhinderter Einzelgänger” ein Zufalls tourist im weiten Land der von modernen Beschleunigungen versehrten Seele.

Hier wie dort scheint – um bei obigem Vergleich mit Film Noir zu bleiben – ein vormaliger Schwarzweiß-Existenzialismus endgültig zerronnen zu einer „grauen Serie” unblutiger Verletzungen. Die heutigen schwachen Helden fallen nicht mehr im Schußwechsel. Auf ihr gepanzertes Inneres zielen nur noch die Blicke jener Gegenüber, die sie nicht wahrnehmen wollen. „Du hast keine Phantasie, kein Herz, keine Eier, keinen Saft”, wird Camille am Ende Stéphane anklagen. „Da ist nichts drin, wirklich überhaupt nichts.”

Spätestens in dieser Diagnose manifestiert sich – Ravel hin, Lermontow her – der tatsächliche Reichtum von „Ein Herz im Winter”. Ab heute im Wiener Metro Kino.

von Claus Philipp
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letzte Änderung: 18.07.2004