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Der Standard, Wien, 7. Januar 1994,
Seite 11
Ein konturloser Held unserer
Zeit
Der französische Schauspieler
Daniel Auteuil in Claude Sautets Film-Melodram Ein Herz im Winter
Die Zeiten, in denen einsame Männer durch Film Noirs taumelten,
sind vorbei. Frankreichs Regie-Altstar Claude Sautet präsentiert
nun mit seinem neuen Melodram Ein Herz im Winter ein gelungenes
Beispiel für eine neue graue Serie.
Ein Abendessen unter Freunden. Man tratscht, lacht und
ist um ein intellektuelles Niveau bemüht, das angeblich
keine Banalität zuläßt. So kommt es, wie es bei
solchen Gelegenheiten kommen muß. Aus dem heiteren Gerangel
um die Nachspeise erhebt sich die ein wenig selbstgefällige
Klage über eine nie dagewesene Konfusion. Über eine
Konturlosigkeit, kraft der Graffitis mit Piero della Francesca,
Videoclips mit Ravel-Sonaten verglichen werden. Entsetzlich, dieser
kollektive Konsens!
Nur auf den ersten Blick scheint der französische Regisseur
Claude Sautet in seinem neuen Film Ein Herz im Winter den Kulturpessimismus
zu teilen. Das einstige Aushängeschild eines gepflegten, pflegeleichten
Unterhaltungskinos (Die Dinge des Lebens, Cásar und Rosalie)
schottet die Pariser Dreiecksgeschichte, die er diesmal erzählt,
sorgfältig ab gegen den Lärm der 90er Jahre. In der Abgeschiedenheit
städtischer Innenräume demonstriert er aber, daß
die eigentliche Konturlosigkeit viel versteckter angesiedelt ist.
Paradoxerweise hat nämlich gerade seine Hauptfigur den bildungsbürgerlichen
Ergüssen, die sich vor der Kamera von Yves Angelo zu wohlformulierten,
dezent rythmisierten Dialogen formieren, wenig hinzuzufügen.
Ein Stadt-Eremit
Dabei scheint sich der introvertierte Geigenbauer Stéphane
(Daniel Auteuil) zumindest für Außenstehende exemplarisch
der Konzentration auf essentielle Werte hinzugeben: Der Materialität
der Instrumente, den Saitenklängen, dem Tempo einer Sonate
von Ravel. Gleich zu Beginn des Films führt ihn Sautet als
Kläusner des Kunsthandwerks ein. Im stillen Halbdunkel restauriert
er völlig versunken eine alte Violine. Doch gerade Stéphane
scheint keine Meinung zur verleugneten Sensibilität des Individuums
zu haben. Es fehle ihm an gutem Willen zu Diskussionen, sagt er,
worauf ihn die Violinistin Camille (Emmanuelle Béart) der
Feigheit verdächtigt: Schweigt man, riskiert man nichts und
kann sogar einen intelligenten Eindruck hinterlassen.
Unter diesem Aspekt riskiert Ein Herz im Winter in weiterer Folge
einiges. Wenn Camille, die mit Stéphanes Partner Maxime (André Dussolier) liiert ist, sich in weiterer Folge dennoch in Stéphane verliebt, dann nimmt das Fragen nach individuellen Befindlichkeiten
kein Ende.
Doch und hier wird dieser mitunter ein wenig zu wertvoll gestaltete
Film erstaunlich und faszinierend alle Welterklärungen werden
aufgesogen von einem schwarzen Loch: Dem undurchdringlichen Stoizismus,
mit der Daniel Auteuil formidabel in jedem Film Noir der 40er reüssieren
könnte.
Ehrlichkeit, Feigheit oder manipulative Strategie? Nach der Lektüre
einer Novellensammlung von Michail Lermontow (Ein Held unserer Zeit)
habe sich, so Sautet einmal in einem Interview, in ihm lediglich
eine Idee festgesetzt. Die Idee von einem Mann, der eine Frau dazu
bringt, ihn zu lieben nur des perversen Vergnügens wegen, damit
er ihr dann sagen kann: Ich liebe Sie nicht.
In Auteuils freundlicher und wie er selbst einmal sagt: professioneller
Aufmerksamkeit ist dieser Sadismus nicht unbedingt nachvollziehbar.
Sein Blick scheint vielmehr unverwandt auf unsichtbare Barrieren
gerichtet, die er nicht beiseiteräumen kann. Stéphane,
der zwar seinem Lehrling auf anrührende Weise verbunden und
seinem früheren Musiklehrer (Maurice Garrel) in kindlicher
Treue zugetan ist, vermag, scheint's, tatsächlich jene Liebe
nicht zu bekennen, für die er die schützende Isolierung
ablegen müßte.
Er ähnelt in dieser monströsen Unfähigkeit einem
anderen Mann ohne Eigenschaften des jüngeren Erzählkinos.
So wie William Hurt in Lawrence Kasdans Reisen des Mr. Leary ist
auch Auteuils verhinderter Einzelgänger ein Zufalls tourist
im weiten Land der von modernen Beschleunigungen versehrten Seele.
Hier wie dort scheint um bei obigem Vergleich mit Film Noir
zu bleiben ein vormaliger Schwarzweiß-Existenzialismus endgültig
zerronnen zu einer grauen Serie unblutiger Verletzungen. Die heutigen
schwachen Helden fallen nicht mehr im Schußwechsel. Auf ihr
gepanzertes Inneres zielen nur noch die Blicke jener Gegenüber,
die sie nicht wahrnehmen wollen. Du hast keine Phantasie, kein
Herz, keine Eier, keinen Saft, wird Camille am Ende Stéphane
anklagen. Da ist nichts drin, wirklich überhaupt nichts.
Spätestens in dieser Diagnose manifestiert sich Ravel hin,
Lermontow her der tatsächliche Reichtum von Ein Herz im Winter.
Ab heute im Wiener Metro Kino.
von Claus Philipp
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