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Stuttgarter Zeitung, 7. Oktober 1993,
Rubrik: Feuilleton
Die Kunst der Schüchternheit
Auf der Höhe seines
Könnens: Claude Sautets Film Ein Herz im Winter
Claude Sautets Herz im Winter erzählt die unerhört dicht,
sensitiv und atmosphärestark inszenierte Geschichte zweier Geigenbauer,
deren einer der Liebhaber einer jungen Virtuosin wird, während
der andere still-entsagend sich ebendadurch immer stärker zum Objekt
ihrer Zuneigung, ja ihrer Begierde macht eine Dreiecksgeschichte
mithin, deren drittes Eck sozusagen in gestrichelter Linie dargestellt
wird, als nur gedacht, nie realisiert.
Kein Zweifel, Sautet ist hier als Regisseur des emotionsgeladen-feinsinnigen
Gesellschaftsmelodrams auf der Höhe seiner Inszenierungskunst ein souveraener Beobachter und Psychologe, ein treffsicher-penibler
Schilderer der banalen, nur scheinbar wohlgeordneten (Männer-)Gefühlswelt.
Wie alle Filme des französischen Altmeisters, so ist auch dieser
ein reiner Schauspielerfilm. Da drückt sich bereits im leisen Stirnrunzeln
ein libidinoeses Desaster aus, und jeder Augenaufschlag (nie war
sie schöner als hier: Emmanuelle Béart) wird zur unwiderstehlichen
Lockung. Die drei in ihren Ecken sind einander wert: hier die anmutige
Violinistin (tatsaechlich hört man in diesem Film enorm gut gegeigten
Ravel, und Emmanuelle Béart simuliert ja nicht nur: sie
spielt, als ob sie ihn wirklich spielte) dort die soignierten
Galane: Daniel Auteuil, der erfolgverwöhnte Liebhaber, und André
Dussollier, sein düster-verhangener Freund und Möchtenicht-Erotiker,
der mindestens soviel Angst vorm Verführen wie vorm Verführtwerden
hat und sich stolz-herb auf tausend Fluchten begibt, aus leimdurchwehter
Werkstatt ins euphonisch-erhabene Reich der Musik oder auch mal,
minder erhaben, raus aus Paris ins ländlich-zerzankte Elternhaus.
An Filmen wie Ein Herz im Winter laesst sich beiläufig demonstrieren,
warum das amerikanische Kino daneben Ausnahmen ausgenommen so
unerwachsen, so kindisch, ja geradezu unseriös wirkt. Claude Sautet,
der umschweiflos zugibt, daß er ohne Musik nicht leben könne und
daß er seinen Erfolg hauptsächlich nur dem einen verdanke: seiner
Schüchternheit , Sautet hat sich in diesem Film erkennbar auch
selbst porträtiert. Der entsagsame Geigenbauer, dessen Contenance
so stark ist, daß er zwar seinem alten Vater Sterbehilfe erteilen,
nicht aber eine Liebesregung einbekennen kann das soll, das will
auch er selber sein, der Erzähler der Kinostory, ein bescheidener
Herr, dessen eleganter Erzählstil Emotionen wie Eifersucht, Freundestreue
und Egoismus freizulegen versteht. Sautet erklärt sich so seine
poesievoll-melancholische Befähigung: Wenn man schüchtern ist,
beobachtet man die anderen und entwickelt dabei eine große Sensibilitaet. Welch unamerikanisches Erfolgsrezept
von Ruprecht Skasa-Weiss
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