Ein Herz im Winter
„Ein Herz im Winter”
“Un Coeur en Hiver” — “A Heart in Winter”
Frankreich 1992 – Regie: Claude Sautet – Musik: Maurice Ravel
 
Süddeutsche Zeitung
 
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Süddeutsche Zeitung, Nr. 232/1993 vom 7. Oktober 1993, Seite f16:

Ein Herz im Frühling.

Der Regisseur Claude Sautet über die Bourgeoisie und ihre Kinder

Der Titel stammt zwar von Bunuel, aber der diskrete Charme der Bourgeoisie ist Ihre Domäne. Warum?

Einer der Gründe dafür könnte sein, daß ch aus Montrouge, einem Vorort von Paris komme. Dort haben sich in den Cafes und Bistros die Doktoren mit den Busfahrern, die liberalen Berufe mit den Handwerkern vermischt. Da kam man sich zwangsläufig nahe und bekam einen Blick für die feinen Unterschiede im Verhalten. Wer da aufwächst, der blickt natürlich zu den anderen Tischen und strebt danach, eines Tages der anderen Klasse anzugehören.

Und was macht den diskreten Charme der Bourgeoisie aus?

Die Bourgeoisie hatte ein Talent, das Leben leichtzunehmen. Und obwohl meine Helden dabei selten glücklich waren, schienen sie sehr anziehend zu wirken. Was ich aber zeigen wollte, war die Sinnkrise, die nicht nur die erfasste, die eigentlich alles hatten, sondern auch die, die davon träumten, so zu sein. Selbst Michel Piccoli in „Die Dinge des Lebens”, der als Architekt alles besitzt, was man so braucht, hat es nicht geschafft, sein Leben zu ändern. Deshalb zieht er letztlich den tödlichen Unfall vor — so groß ist seine Angst vor dem Leben.

Gibt es diesen Charme immer noch?

Die Bourgeoisie hat ihre Bedeutung verloren, weil ihre historischen Wurzeln verlorengegangen sind. Sie taugt auch nicht mehr als System, den Zugriff auf die Welt zu organisieren. Mit den Problemen der Moderne kann sie nicht mehr Schritt halten. Außerdem sind mit dem gestiegenen Bildungsniveau die Abgrenzungsmöglichkeiten verschwunden. Es gibt immer weniger Unterschiede zwischen den Berufen. Und die Bourgeoisie verschwindet.

Hat sich deshalb nach „Eine einfache Geschichte” der Ton Ihrer Filme verändert?

Das begann mit „Der ungeratene Sohn”. Da hatte ich es satt, mich mit meiner Generation zu beschäftigen. Als mein Sohn dreißig geworden war, schienen mir er und seine Freunde viel interessanter.

Warum haben Sie nicht schon vorher von Ihrem Sohn erzählt? Hat Sie Kindheit als Thema nie interessiert?

Ich war ein eher ängstliches Kind. Das zu zeigen, schien mir weniger interessant, als die Konsequenzen dieser Angst bei Erwachsenen zu verfolgen. Außerdem stecken in meinen Helden auch die Kinder, die sie waren. Diese Introvertiertheit meiner Kindheit ist auch der Grund, warum die Frauen sich von den Männern in meinen Filmen angezogen fühlen. Sie weckt ihre mütterlichen Instinkte.

Sie sind da ja eher die Ausnahme. Die meisten Regisseure haben sich wie Truffaut mit Kindheit befaßt.

Francois hatte eben eine sehr aufregende, dramatische Kindheit. Das hatte ich nicht. Ich war ein Träumer, zurückgezogen von der Welt. Darum habe ich auch nichts zu erzählen. Ich konnte mich damals nicht ausdrücken und liebte nur die Musik.

Haben Sie denn ein Instrument gelernt?

Ich hatte kein Talent dafür. Mich interessierte an der Musik die Organisation der Emotion. All das, was sie vom praktischen Leben unterschied.

Das ähnelt ja sehr dem Helden von „Ein Herz im Winter”.

Ja, es gibt bei ihm eine große Verwirrung zwischen Musik und dem Leben, zwischen der Musikerin und der Frau. Der Mann wird von der Frau angezogen, weil sie ein Stück gut spielt. Dann wirft sie sich ihm zu Füßen, und er erschrickt. Er kann keine natürliche Beziehung zu ihr herstellen.

In der Vorlage von Lermontow macht er das, um die Frau zu demütigen.

Dort verführt er die Frau, um ihr sagen zu können: Ich liebe Sie nicht! Wir wollten das hingegen von dieser Motivation trennen. Das schien uns allgemeingültiger. Ein Mann hat sich ein Bild von einer Frau gemacht. Und als es sich ändert, bekommt er es mit der Angst zu tun. Er beschäftigt sich mit mechanischen Dingen und denkt, das ganze Leben läuft so. Aber dabei vergißt er die Gefühle, die nicht wie ein Uhrwerk funktionieren.

Haben Sie deshalb dem Film ein klares Ende verweigert?

Ich wollte die Unsicherheit so lange wie möglich aufrechterhalten. Darum habe ich auch auf ein konventionelles Ende verzichtet. Man weiß ur, daß er seine Krise überwunden hat. Und daß er jetzt entscheiden kann zwischen Traum und Wirklichkeit. Am Ende liebt er auf jeden Fall. Aber das ist ein anderer Film. Der müßte dann heißen: Ein Herz im Frühling.

von Michael Althen
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