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Süddeutsche Zeitung, Nr.
232/1993 vom 7. Oktober 1993, Seite f16:
Ein Herz im Frühling.
Der Regisseur Claude Sautet
über die Bourgeoisie und ihre Kinder
Der Titel stammt zwar von Bunuel, aber der diskrete Charme der
Bourgeoisie ist Ihre Domäne. Warum?
Einer der Gründe dafür könnte sein, daß ch aus Montrouge,
einem Vorort von Paris komme. Dort haben sich in den Cafes und Bistros
die Doktoren mit den Busfahrern, die liberalen Berufe mit den Handwerkern
vermischt. Da kam man sich zwangsläufig nahe und bekam einen Blick
für die feinen Unterschiede im Verhalten. Wer da aufwächst, der
blickt natürlich zu den anderen Tischen und strebt danach, eines
Tages der anderen Klasse anzugehören.
Und was macht den diskreten Charme der Bourgeoisie aus?
Die Bourgeoisie hatte ein Talent, das Leben leichtzunehmen. Und
obwohl meine Helden dabei selten glücklich waren, schienen sie
sehr anziehend zu wirken. Was ich aber zeigen wollte, war die Sinnkrise,
die nicht nur die erfasste, die eigentlich alles hatten, sondern
auch die, die davon träumten, so zu sein. Selbst Michel Piccoli
in Die Dinge des Lebens, der als Architekt alles besitzt, was man
so braucht, hat es nicht geschafft, sein Leben zu ändern. Deshalb
zieht er letztlich den tödlichen Unfall vor so groß ist seine
Angst vor dem Leben.
Gibt es diesen Charme immer noch?
Die Bourgeoisie hat ihre Bedeutung verloren, weil ihre historischen
Wurzeln verlorengegangen sind. Sie taugt auch nicht mehr als System,
den Zugriff auf die Welt zu organisieren. Mit den Problemen der
Moderne kann sie nicht mehr Schritt halten. Außerdem sind mit dem
gestiegenen Bildungsniveau die Abgrenzungsmöglichkeiten verschwunden.
Es gibt immer weniger Unterschiede zwischen den Berufen. Und die
Bourgeoisie verschwindet.
Hat sich deshalb nach Eine einfache Geschichte der Ton Ihrer
Filme verändert?
Das begann mit Der ungeratene Sohn. Da hatte ich es satt, mich
mit meiner Generation zu beschäftigen. Als mein Sohn dreißig geworden
war, schienen mir er und seine Freunde viel interessanter.
Warum haben Sie nicht schon vorher von Ihrem Sohn erzählt? Hat
Sie Kindheit als Thema nie interessiert?
Ich war ein eher ängstliches Kind. Das zu zeigen, schien mir
weniger interessant, als die Konsequenzen dieser Angst bei Erwachsenen
zu verfolgen. Außerdem stecken in meinen Helden auch die Kinder,
die sie waren. Diese Introvertiertheit meiner Kindheit ist auch
der Grund, warum die Frauen sich von den Männern in meinen Filmen
angezogen fühlen. Sie weckt ihre mütterlichen Instinkte.
Sie sind da ja eher die Ausnahme. Die meisten Regisseure haben
sich wie Truffaut mit Kindheit befaßt.
Francois hatte eben eine sehr aufregende, dramatische Kindheit.
Das hatte ich nicht. Ich war ein Träumer, zurückgezogen von der
Welt. Darum habe ich auch nichts zu erzählen. Ich konnte mich damals
nicht ausdrücken und liebte nur die Musik.
Haben Sie denn ein Instrument gelernt?
Ich hatte kein Talent dafür. Mich interessierte an der Musik
die Organisation der Emotion. All das, was sie vom praktischen Leben
unterschied.
Das ähnelt ja sehr dem Helden von Ein Herz im Winter.
Ja, es gibt bei ihm eine große Verwirrung zwischen Musik und
dem Leben, zwischen der Musikerin und der Frau. Der Mann wird von
der Frau angezogen, weil sie ein Stück gut spielt. Dann wirft sie
sich ihm zu Füßen, und er erschrickt. Er kann keine natürliche
Beziehung zu ihr herstellen.
In der Vorlage von Lermontow macht er das, um die Frau zu demütigen.
Dort verführt er die Frau, um ihr sagen zu können: Ich liebe
Sie nicht! Wir wollten das hingegen von dieser Motivation trennen.
Das schien uns allgemeingültiger. Ein Mann hat sich ein Bild von
einer Frau gemacht. Und als es sich ändert, bekommt er es mit der
Angst zu tun. Er beschäftigt sich mit mechanischen Dingen und denkt,
das ganze Leben läuft so. Aber dabei vergißt er die Gefühle,
die nicht wie ein Uhrwerk funktionieren.
Haben Sie deshalb dem Film ein klares Ende verweigert?
Ich wollte die Unsicherheit so lange wie möglich aufrechterhalten.
Darum habe ich auch auf ein konventionelles Ende verzichtet. Man
weiß ur, daß er seine Krise überwunden hat. Und daß er jetzt
entscheiden kann zwischen Traum und Wirklichkeit. Am Ende liebt
er auf jeden Fall. Aber das ist ein anderer Film. Der müßte dann
heißen: Ein Herz im Frühling.
von Michael Althen
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