Ein Herz im Winter
„Ein Herz im Winter”
“Un Coeur en Hiver” — “A Heart in Winter”
Frankreich 1992 – Regie: Claude Sautet – Musik: Maurice Ravel
 
Der Tagesspiegel
 
gif.gif (807 Byte) gif.gif (807 Byte)

Der Tagesspiegel, Nr. 146 vom 7. Oktober 1993

Varianten der Verführungskunst.

Claude Sautets Film „Ein Herz im Winter”

So neu ist die Geschichte nicht, und alle Jahre wieder wird auch ein Film daraus, aus der Geschichte vom verführten Verführer. Vom Verführer, der sich entweder (Variante eins) in diejenige verliebt, die er zu verführen die Absicht hat, oder (Variante zwei) in sich selbst (was er natürlich längst ist: sonst würde er sich nicht als Verführer fühlen), oder (Variante drei) in das Spiel, das er angezettelt hat, also in die Methode, die „Kunst”, in die Verführung selbst.

Zwischen diesen Variationen schwanken sie fast alle, die meist dialektisch-ironisch akzentuierten, selbstverständlich intellektuellen, oft in der Nähe des Boulevards wohnhaften, manchmal auch durchaus hämischen Kino-Lehrstuecke vom bestraften Liebesübeltaeter. Und dann passiert dem Kino, was ihm sein schlimmster Feind nicht wünschen kann: es wird zur moralischen Anstalt.

Nicht so bei Claude Sautet, nicht in dem Film „Ein Herz im Winter”, der kein bißchen zwischen den Varianten schwankt, sondern allen drei Spielarten gleichermaßen gerecht zu werden versucht. Deshalb kann man den Film auch auf drei verschiedene Arten lesen: relativ naiv als ironisch-romantische Geschichte vom verführten Verführer; schon etwas raffinierter als die nahezu abstrakte Präsentation der drei Formen der zum Scheitern verurteilten erotischen Manipulation; und als ritualisiertes Kino — womit wir auf der Meta-Ebene angekommen wären. Da die Verführung (als Methode, als Masche, als Trick) selbst ein Ritual ist beziehungsweise ohne rituelle Muster nicht funktioniert, hat sie eine Menge mit dem Kino selbst zu tun, das seine eigene verführerische Magie mit Hilfe von Ritualen und Mustern ins Werk setzt.

Der Geigenbauer Maxime (André Dussollier) hat sich in eine junge Violinvirtuosin (Emmanuelle Béart) verliebt und beginnt mit ihr ein neues Leben. Sein Partner Stéphane (Daniel Auteuil), ein verschlossener, zurückgezogen lebender Einzelgänger und Solipsist, der seine spartanische Wohnung gleich hinter der Werkstatt hat und beide kaum einmal verläßt, aber legt alles darauf an, die Aufmerksamkeit der wunderschönen Camille auf sich zu lenken.

Als er Erfolg hat bei diesem Spiel, befallen ihn Unsicherheit und Angst. Er zieht sich zurück, auch aus der geschäftlichen Partnerschaft mit dem Freund, weil selbst er nicht weiß geschweige denn der Zuschauer je mit letzter Sicherheit erführe), welches Motiv der Verführung zugrunde liegt: Eifersucht auf den Freund; Muskelspiel der eigenen erotischen Kräfte; Zerstörungslust. (Oder, auf der Meta-Ebene, die Erfüllung des dramatischen Musters.)

Aufgebaut ist „Ein Herz im Winter” („Un coeur en hiver”) auf Musik von Maurice Ravel. Die selbst scheint nur Kunst und Ritual zu sein, kühl bis ans Herz hinan, auch wo sie in frenetisch leidenschaftliche, sehr kraftvolle und geradezu machtgierige Passagen überzugehen den Eindruck macht. Alles in dem Film folgt der Temperatur der Ravelschen Sonaten und des Trios: das vornehmlich blau getönte Dekor (die Partner-Freunde tragen, solange sie Partner sind, blaue Oberhemden; nach der Trennung trägt Stéphane ein dezentes Grau); die unendliche Eleganz, ja fast Glaette der Personen, allen voran porzellangesichtig Emmanuelle Béart (die „belle noiseuse” aus Rivettes „Schöner Querulantin”); der Rhythmus von Szenenfolgen, Dialogen und Bildschnitt.

Der 68jaehrige Franzose Claude Sautet ist ein Langsamfilmer. In seiner ueber vierzigjährigen Karriere hat er erst vierzehn Filme gemacht, immer überaus sorgfältig, penibel, akkurat. So gewiss er ein Schönschreiber ist, sowenig tut er es einer leeren, beziehungslosen Kalligraphie zuliebe. Er hat dazu beigetragen, dem französischen Kino das stilistisch-aesthetisch-handwerklich und überhaupt nicht inhaltlich bestimmte Genre des „cinema de qualite” zu erhalten. Dies ist ihm auch gegen die ständige Verachtung und Rebellion immer neuer Neuen Wellen gelungen — wovon jetzt Leute wie Leos Carax („Die Liebenden von Pont Neuf”) und Jean-Jacques Beineix („IP 5”) profitieren. Was auch immer sie von Sautet unterscheiden mag: wie er wandeln auch sie auf dem überaus schmalen Grat zwischen Bluff und Überwältigung, Überzeugung und Verführung, Solidität und Chichi.

„Ein Herz im Winter” ist ein Prototyp dieses Kinos: gescheit und geschickt, elegant und erlesen, perfekt und in seiner extremen und demonstrativen Makellosigkeit fast langweilig; das genaue Gegenteil vom schmutzigen Kino der unreinen Mischung — und, wie Stéphane, wie Ravel, kühl bis ans Herz hinan, ein Kino zum Frieren. Es ist eine hohe und staunenswerte Kunstfertigkeit in diesem Film, die freilich immer wieder gestört wird durch einen Geschmack a la mode, durch ein Parfum, wie es aus den Boutiquen duftet.

von Peter W. Jansen
gif.gif (807 Byte)
gif.gif (807 Byte) gif.gif (807 Byte)
Zurück
herz@ein-herz-im-winter.de Copyright 1999–2003, Oliver Braun, Berlin
letzte Änderung: 18.07.2004