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Der Tagesspiegel, Nr. 146 vom
7. Oktober 1993
Varianten der Verführungskunst.
Claude Sautets Film Ein
Herz im Winter
So neu ist die Geschichte nicht, und alle Jahre wieder wird auch
ein Film daraus, aus der Geschichte vom verführten Verführer.
Vom Verführer, der sich entweder (Variante eins) in diejenige verliebt,
die er zu verführen die Absicht hat, oder (Variante zwei) in sich
selbst (was er natürlich längst ist: sonst würde er sich nicht
als Verführer fühlen), oder (Variante drei) in das Spiel, das
er angezettelt hat, also in die Methode, die Kunst, in die Verführung
selbst.
Zwischen diesen Variationen schwanken sie fast alle, die meist
dialektisch-ironisch akzentuierten, selbstverständlich intellektuellen,
oft in der Nähe des Boulevards wohnhaften, manchmal auch durchaus
hämischen Kino-Lehrstuecke vom bestraften Liebesübeltaeter. Und
dann passiert dem Kino, was ihm sein schlimmster Feind nicht wünschen
kann: es wird zur moralischen Anstalt.
Nicht so bei Claude Sautet, nicht in dem Film Ein Herz im Winter,
der kein bißchen zwischen den Varianten schwankt, sondern allen
drei Spielarten gleichermaßen gerecht zu werden versucht. Deshalb
kann man den Film auch auf drei verschiedene Arten lesen: relativ
naiv als ironisch-romantische Geschichte vom verführten Verführer;
schon etwas raffinierter als die nahezu abstrakte Präsentation
der drei Formen der zum Scheitern verurteilten erotischen Manipulation;
und als ritualisiertes Kino womit wir auf der Meta-Ebene angekommen
wären. Da die Verführung (als Methode, als Masche, als Trick)
selbst ein Ritual ist beziehungsweise ohne rituelle Muster nicht
funktioniert, hat sie eine Menge mit dem Kino selbst zu tun, das
seine eigene verführerische Magie mit Hilfe von Ritualen und Mustern
ins Werk setzt.
Der Geigenbauer Maxime (André Dussollier) hat sich in eine
junge Violinvirtuosin (Emmanuelle Béart) verliebt und beginnt
mit ihr ein neues Leben. Sein Partner Stéphane (Daniel Auteuil),
ein verschlossener, zurückgezogen lebender Einzelgänger und Solipsist,
der seine spartanische Wohnung gleich hinter der Werkstatt hat und
beide kaum einmal verläßt, aber legt alles darauf an, die Aufmerksamkeit
der wunderschönen Camille auf sich zu lenken.
Als er Erfolg hat bei diesem Spiel, befallen ihn Unsicherheit
und Angst. Er zieht sich zurück, auch aus der geschäftlichen Partnerschaft
mit dem Freund, weil selbst er nicht weiß geschweige denn der
Zuschauer je mit letzter Sicherheit erführe), welches Motiv der
Verführung zugrunde liegt: Eifersucht auf den Freund; Muskelspiel
der eigenen erotischen Kräfte; Zerstörungslust. (Oder, auf der
Meta-Ebene, die Erfüllung des dramatischen Musters.)
Aufgebaut ist Ein Herz im Winter (Un coeur en hiver) auf Musik
von Maurice Ravel. Die selbst scheint nur Kunst und Ritual zu sein,
kühl bis ans Herz hinan, auch wo sie in frenetisch leidenschaftliche,
sehr kraftvolle und geradezu machtgierige Passagen überzugehen
den Eindruck macht. Alles in dem Film folgt der Temperatur der Ravelschen
Sonaten und des Trios: das vornehmlich blau getönte Dekor (die
Partner-Freunde tragen, solange sie Partner sind, blaue Oberhemden;
nach der Trennung trägt Stéphane ein dezentes Grau); die
unendliche Eleganz, ja fast Glaette der Personen, allen voran porzellangesichtig
Emmanuelle Béart (die belle noiseuse aus Rivettes Schöner
Querulantin); der Rhythmus von Szenenfolgen, Dialogen und Bildschnitt.
Der 68jaehrige Franzose Claude Sautet ist ein Langsamfilmer. In
seiner ueber vierzigjährigen Karriere hat er erst vierzehn Filme
gemacht, immer überaus sorgfältig, penibel, akkurat. So gewiss
er ein Schönschreiber ist, sowenig tut er es einer leeren, beziehungslosen
Kalligraphie zuliebe. Er hat dazu beigetragen, dem französischen
Kino das stilistisch-aesthetisch-handwerklich und überhaupt nicht
inhaltlich bestimmte Genre des cinema de qualite zu erhalten.
Dies ist ihm auch gegen die ständige Verachtung und Rebellion immer
neuer Neuen Wellen gelungen wovon jetzt Leute wie Leos Carax (Die
Liebenden von Pont Neuf) und Jean-Jacques Beineix (IP 5) profitieren.
Was auch immer sie von Sautet unterscheiden mag: wie er wandeln
auch sie auf dem überaus schmalen Grat zwischen Bluff und Überwältigung,
Überzeugung und Verführung, Solidität und Chichi.
Ein Herz im Winter ist ein Prototyp dieses Kinos: gescheit und
geschickt, elegant und erlesen, perfekt und in seiner extremen und
demonstrativen Makellosigkeit fast langweilig; das genaue Gegenteil
vom schmutzigen Kino der unreinen Mischung und, wie Stéphane,
wie Ravel, kühl bis ans Herz hinan, ein Kino zum Frieren. Es ist
eine hohe und staunenswerte Kunstfertigkeit in diesem Film, die
freilich immer wieder gestört wird durch einen Geschmack a la mode,
durch ein Parfum, wie es aus den Boutiquen duftet.
von Peter W. Jansen
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