Berner Zeitung
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Berner Zeitung, 25. Juli 2000

Der Filmer der kleinen Brüche und Risse

Romy Schneider war seine bevorzugte Hauptdarstellerin: 76-jährig ist in Paris Filmregisseur Claude Sautet gestorben.

Der 1924 im Pariser Vorort Montrouge geborene Regisseur verstand sich nie als Autorenfilmer wie Jean-Luc Godard, François Truffaut oderClaude Chabrol. Er war ein Erzähler konventioneller Geschichten, die er ebenso konventionell und routiniert umsetzte.

«Konfektionskino» nannten die 68er diese Filme bösartigerweise, und verkannten dabei ihre eigentliche Qualität: nämlich der zwar versöhnliche, aber dennoch klar analysierende Blick des Filmemachers auf die französische Mittelklasse.

Vernunft und Sehnsucht

Claude Sautet besuchte die berühmte Pariser Filmschule IDHEC, schrieb Jazzkritiken, arbeitete als Regieassistent und als Drehbuchautor. 1959 drehte er mit «Classe tous risques» und Lino Ventura in der Hauptrolle seinen ersten Film als Regisseur, 1969 gelang ihm mit «Les choses de la vie» sein erster kommerzieller Erfolg. Die siebziger und frühen achtziger Jahre waren Sautets beste Zeit. Im vergangenen Jahrzehnt fiel er vor allem mit dem musikalischen Kammerspiel «Un coeur en hiver» (1992) und «Nelly & Monsieur Arnaud» (1995), einer Geschichte über die Freundschaft zwischen einer jungen arbeitslosen Frau und einem älteren Mann auf.

«Les choses de la vie» war zugleich auch Sautets erste Zusammenarbeit mit Romy Schneider. Mit diesem und weiteren Werken wie «Max et les ferailleurs» (1971), «César et Rosalie» (1972) und «Mado» (1976) wurde die nach Frankreich exilierte Sissi-Darstellerin - meistens an der Seite von Yves Montand oder Michel Piccoli - zu seiner wichtigsten Hauptdarstellerin. Es waren «bürgerliche», äusserlich fast langweiligeFiguren, die Romy Schneider bei Sautet verkörperte, aber sie pendelten so unentschieden zwischen Vernunft und Sehnsucht, dass sie die glatte, gefällige Oberfläche der filmischen Erzählung stets zu brechen vermochten.

Rituale des Banalen

Die kleinen Brüche und Lügen, die sich anstauen, bis die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten ist: Bis zur Perfektion hat Sautet diese alltäglichen Rituale entwickelt. Zum Beispiel 1974 in «Vincent, François, Paul et les autres»: Nicht genug kann die Männergruppe aus dem Mittelstand ihre Freundschaft zelebrieren, und verdrängt damit bis zur Schmerzgrenze die Angst vor der Einsamkeit, vor dem Versagen sowie die Unfähigkeit, eine Frau wirklich respektieren zu können. Ohne plakativ zu werden, hat Sautet hier den verkrüppelten Gefühlshaushalt einer Männerwelt reflektiert, die noch ganz nach den alten patriarchalischen Werten funktioniert.

«Mich interessiert das Banale», hatte Claude Sautet einmal gesagt. In seinen besten Filmen hat der im Alter von 76 Jahren an Leberkrebs gestorbene Regisseur das Banale ausgiebig gezeigt. Aber so, dass es nicht banal, sondern immer ein bisschen unheimlich war. Unheimlich nahe an den eigenen Erfahrungen.

von Bernhard Giger
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letzte Änderung: 17.08.2000