Berliner Morgenpost
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Berliner Morgenpost, 25. Juli 2000

Kino ist pure Emotion

Zum Tode des Filmregisseurs Claude Sautet

«Entweder du wirst Künstler oder ein Dieb. Du musst wählen.» Claude Sautet nahm die Worte seiner Mutter ernst - und wurde Regisseur. Mit seinen delikaten Gesellschaftskomödien, die nicht selten persönliche Tragödien überspielten, zählte er zu den «Großen» des Französischen Kinos. Erste Erfolge hatte der 1924 in Montrouge bei Paris geborene Industriellensohn als Drehbuchautor von Regisseuren wie Marcel Ophüls, Louis Malle und Philippe de Broca. Sein Debütwerk, das atmosphärisch dichte und darstellerisch starke Unterweltdrama «Der Panther wird gehetzt» ließ schon 1959 sein außergewöhnliches Talent ahnen.

In Deutschland wurde er vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Romy Schneider bekannt: mit «Die Dinge des Lebens», «Das Mädchen und der Kommissar», «César und Rosalie», «Mado» sowie «Eine einfache Geschichte», der 1980 einen Oscar erhielt. Im Gegensatz zu seinem umtriebigen Kollegen Claude Chabrol drehte Sautet nur 13 Filme in 40 Jahren. Er verabscheute ein filmisches Happy End: «Es gibt genug Geschichten, die gut enden. Ich habe nichts gegen glückliche Menschen, aber die haben keine Geschichte.» Kino, das hieß für den passionierten Zigarilloraucher pure Emotion. Seine Sujets fand er durch Beobachtung und Zufall. Der Wahl-Pariser drehte zwar keine autobiographischen Filme, aber immer konnte man ein Stückchen von ihm entdecken - Schüchternheit, Angst vor dem Alter, Kampf für soziale Gerechtigkeit. Sein Kino erinnerte oft an eine Autopsie der Gefühle, so auch sein letztes Werk aus dem Jahr 1997, die Lovestory zwischen einem älteren mann und einer jungen Frau: «Nelly & Monsieur Arnaud».

Sautet sah sich nicht als Gesellschaftskritiker, sondern wollte die glücklichen und schmerzhaften Erfahrungen des Individuums verständlich machen, seine Geheimnisse und Obsessionen. Mit Ironie und Witz legte er die Finger sanft auf die Wunden der Bourgeoisie wie in «Einige Tage mit dir» (1988). Der Altmeister liebte die Andeutung, die Ahnung, den Seitenblick, nicht die grellen Fakten. Den «Zeitgeist» nahm er oft schon vorweg. Die Wandlung seines Werks ging von illusionslosen Krimis der Sechziger über melancholische Porträts des Bürgertums in den Siebzigern in ans Absurde grenzende Komödien in den Achtzigern über und endete in strengen Einsamkeitsstudien in den Neunzigern. Claude Sautet, dessen Lebensmotto hieß, «es ist besser, Schuldgefühle zu haben als Reuegefühle», erlag 76-jährig am Wochenende einem langjährigen Leberleiden in Paris.

von Margret Köhler
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letzte Änderung: 17.08.2000