Berliner Zeitung
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Berliner Zeitung, Ausgabe Nr. 45/1994 vom 23. Februar 1994, Seite 28

Solange Leben ist, ist Hoffnung

Zum 70. Geburtstag des Filmregisseurs Claude Sautet

„Zu spät!” — Verpaßte Gelegenheiten, ungesagte Worte, nicht gewagte Gefühle zerstören das Leben der Menschen in den Filmen des französischen Regisseurs Claude Sautet. „Wenn wir zusammenwaren, hast du mir am meisten gefehlt!” Als distanzierter Chronist komplizierter menschlicher Beziehungen hat sich Sautet, der heute in Paris seinen 70. Geburstag feiert, weltweit einen Namen gemacht.

Seine Filme erzählen von den Herzensnöten des französischen Bürgertums, bleiben aber mit ihrer raffinierten Psychologie der Gefühle nicht auf dieses Milieu beschränkt. Die ewigen Dreiecke der Liebe gehen selten auf, und Erotik ist ohne elegante Bosheit schwer zu ertragen. Sautet ist ein Minimalist in seinen filmischen Mitteln, aber seine Absicht bleibt höchst anspruchsvoll. „Das Kino sollte nach der Wahrheit suchen”, fordert der Regisseur, der bewusst kein „Realist” sein will. „Die Stilisierung rettet das Kino, ohne sie ist die Reality-Show stärker”, lautet Sautets Bilanz.

Skeptiker mit Zuversicht

Eine Maxime des „Skeptikers voller Zuversicht” lautet: „Solange Leben ist, ist Hoffnung”. In seinen Filmen wird sie von den Gangstern mit Skrupeln ebenso befolgt wie von skrupellosen Polizisten, ungeratenen Söhnen und drogenabhängigen Töchtern. Großmütig, grausam, zärtlich und hartnäckig sind die schwachen Männer und starken Frauen, von deren Irrungen und Wirrungen „Die Dinge des Lebens” (1969) und „Cesar und Rosalie” (1972) handeln. Lino Ventura, Yves Montand, Michel Piccoli, Daniel Auteuil und immer wieder Romy Schneider haben den Kampf der Geschlechter in Sautets Filmen ausgefochten. „Vincent, Francois, Paul und die anderen” (1974) können ihre Bindungsangst nie ganz ablegen und versagen, wenn sie von der Liebe betroffen werden. „Ich kann nicht lieben, aber ich weiß, wie man Menschen verläßt”, ist die melancholische Einsicht egozentrischer Männer, die „undurchläßig für Gefühle” geworden sind. „Wenige Tage mit mir” (1987) ist dann alles, was an Gesellschaft bleibt. „Etwas in mir lebt nicht”, gesteht der Geigenbauer Stéphane in „Ein Herz im Winter” (1992), den weder Schönheit noch Musik zur Liebe verführen können. Mit diesem Film wurde Sautet, lange bloß als Meister der Unterhaltungskinos unterschätzt, nun auch von den Kritikern entdeckt und in Venedig mit dem Silbernen Loewen und in Paris mit zwei Cesars ausgezeichnet.

Sautet, in Montrouge bei Paris als Sohn eines Industriellen geboren, studiert zuerst Bildhauerei, wechselt dann aber zur Pariser Filmhochschule. 1959 erregt sein erster eigener Film „Der Panther wird gehetzt” mit Jean-Paul Belmondo und Lino Ventura als Hauptdarsteller erhebliches Aufsehen, da die Rollen zwischen Gut und Böse vertauscht scheinen. Sautets spätere Filme beschäftigen sich abwechselnd mit Gangstern, Prostituierten und wohlsituierten Bürgern. Sautets Filme haben Pariser Flair – von der unvermeidlichen Zigarette bis zum frischen Baguette – und berichten mit Liebe zum Detail vom geregelten Leben zwischen Stadtappartement und Landhaus.

Gefühle der Lauheit

Doch was zählt, spielt sich nicht dort, sondern zwischen den Menschen ab. Beziehungen enden, fangen an. Frauen wollen frei sein, und Männer weinen Tränen des Selbstmitleids. „Eine einfache Geschichte” beginnt mit einer Abtreibung und schließt mit einer Schwangerschaft. Alte Liebe rostet nicht, und Freunde sind zu erstaunlichen Verzichtsleistungen fähig. Nichts ist für den Großmeister des Kinos der Gefühle schlimmer als Lauheit.

von Wolfgang Schirmacher
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letzte Änderung: 17.08.2000