Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Februar 1994:

Krise im Bürger

Dinge des Lebens:
Filmregisseur Claude Sautet wird siebzig.

Die Protagonisten seiner Filme tun wenig mehr als zu essen und zu trinken, zu telefonieren, Auto zu fahren, sich zu begrüßen und voneinander Abschied zu nehmen. Es sind die einfachen Dinge des Lebens, denen Claude Sautet, der französische Filmregisseur, nachspürt. Zwölf Filme in vierundzwanzig Jahren — ein schmales, aber eindrucksvolles Œuvre. Aber die Szenerie des Alltagslebens ist bei ihm immer auch so verdichtet, daß zum Beispiel im Anzünden einer Zigarette die Vergeblichkeit des Lebens aufscheinen oder eine Autofahrt zum Symbol für verpaßte Gelegenheiten werden kann. In seinen wie beiläufig in Szene gesetzten Variationen über die diskreten Krisen des Bürgertums triumphiert die Anmut der Gesten über alles Gemachte: ein Kino verletzter Herzen und introvertierter Helden.

Der Durchbruch für den 1924 in Montrouge bei Paris geborenen Sautet kam 1969, mit einem Film, dessen Titel programmatisch werden sollte für sein gesamtes Schaffen: „Die Dinge des Lebens” mit Michel Piccoli und Romy Schneider ist eine impressionistische Etüde über die Wechselfälle des Seins und das tiefgründig-banale Wissen um dessen Unaufhaltsamkeit. Die kunstvoll in Rückblenden montierte Geschichte um den erfolgreichen Architekten Pierre, der sich nicht entscheiden kann zwischen Ehefrau und junger Geliebter, ist in dunklen Tönen grundiert auf der Folie des tödlichen Autounfalls, der von Anfang an wie ein Schatten über Pierres Leben liegt.

Sautet, der von 1946 bis 1948 die Pariser Filmhochschule besuchte, hatte als Musikkritiker gearbeitet und zwei beachtliche Genre-Filme mit Lino Ventura gedreht, 1960 „Der Panther wird gehetzt” und 1965 „Schieß, solange du kannst”, auch zahlreiche Drehbücher geschrieben. Er verfaßte die Vorlagen für Filme von Marcel Ophüls („Heißes Pflaster”, 1963) und Louis Malle („Der Dieb von Paris”, 1967) und erwarb sich in der Branche einen Namen als „Drehbuchdoktor”, der dann geholt wurde, wenn schon alles verloren schien.

Bei seinen eigenen Filmen, die er gerne mit bewährtem Schauspielerpersonal drehte, fünf mit Romy Schneider, vier mit Piccoli und drei mit Yves Montand, und vorzugsweise im Milieu des gehobenen Bürgertums ansiedelte, was ihn mit Claude Chabrol verbindet, verwirklichte der Bewunderer von Jacques Becker abseits aller Nouvelle-Vague-Strömungen seine ganz persönliche Vorstellung vom Kino. Ein unspektakuläres Schauspielerkino, das vor allem atmosphärisch arbeitet und mit einfachsten Mitteln die perfekte Form zu verwirklichen suchte. Widmete er sich noch zu Beginn mit „Das Mädchen und der Kommissar” (1970), „César und Rosalie” (1972), „Mado” (1976) und „Eine einfache Geschichte” (1978) den Problemen seiner eigenen Generation, so beschäftigte er sich seit „Der ungeratene Sohn” (1980) mit der Jugend.

Mit Sandrine Bonnaire, Emmanuelle Béart und Daniel Auteuil fand Sautet die ideale Besetzung für seine jüngsten Filme. „Einige Tage mit mir” und „Ein Herz im Winter”, der 1993 mit dem Preis der französischen Filmkritik und einem César ausgezeichnet wurde, offenbaren noch stärker als seine frühen Filme musikalische Dramaturgie. Bezeichnend dafür sind die leitmotivartig komponierten Auftritte seiner Figuren. Sautets raffiniert-rationales Kino der Gefühle macht aus Leben Kunst, ohne artifiziell zu werden. Heute feiert er seinen siebzigsten Geburtstag.

von Claudia Wefel
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letzte Änderung: 17.08.2000