Abendblatt
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Hamburger Abendblatt, 25. Juli 2000

Filme von den Dingen des Lebens

Der französische Regisseur Claude Sautet starb im Alter von 76 Jahren

Hamburg - Immer wieder hat er die französische Bourgeoisie porträtiert, hat Geschichten über komplizierte Gefühlslagen und schwierige Beziehungen erzählt - mit kritisch analysierendem Blick zwar, doch vor allem mit tiefer Sympathie, denn der Regisseur war den Figuren seiner Filme wesensverwandt. Am Sonnabend ist Claude Sautet im Alter von 76 Jahren gestorben. Nach Auskunft seines Produzenten Alain Sarde erlag er einem Leberkrebsleiden.

Sautet stammte aus dem Pariser Vorort Montrouge, wo er 1924 als Sohn eines Industriellen geboren wurde. Er studierte zunächst Bildhauerei und leitete während des Krieges, selbst noch sehr jung, eine Resozialisierungseinrichtung für straffällig gewordene Jugendliche.

Als 22-Jähriger begann er eine Ausbildung an der Pariser Filmhochschule, arbeitete aber zugleich als Musikkritiker für die kommunistische Tageszeitung "L'Humanite´". Seine Filmlaufbahn begann er als Regieassistent, machte sich aber auch bald als Drehbuchautor unter anderen für Marcel Ophüls, Louis Malle und Philippe de Broca einen Namen. Seine ersten eigenen Regiearbeiten waren Anfang der 50er-Jahre Kurzfilme. Mit Lino Ventura in der Hauptrolle drehte Sautet Anfang der 60er-Jahre die beiden Gangsterfilme "Der Panther wird gehetzt" und "Schieß, solange du kannst". Wenig später fand er mit Romy Schneider und Michel Piccoli die beiden Schauspieler, mit denen er seine wichtigsten Filme verwirklichen konnte.

Der Durchbruch kam 1969 mit "Die Dinge des Lebens": Kurz vor dem Tod lässt er einen Architekten (Piccoli) sein Leben Revue passieren. Dabei entstand eine grandios erzählte Dreiecksgeschichte um die Verwirrung von Gefühlen, um Loyalität und das, was angesichts des Todes tatsächlich noch zählt.

"Mich interessiert das Banale"- mit diesem Satz wird Sautet immer wieder zitiert, doch wie er der Banalität des Lebens Ausdruck verlieh, Stil und Schönheit abzugewinnen vermochte, war das ganz und gar Unverwechselbare an seinen Filmen. Dafür stand ihm ein ganzes Aufgebot hervorragender Schauspieler zur Verfügung: zunächst Romy Schneider und Michel Piccoli, aber auch Yves Montand und später Sandrine Bonnaire und Emmanuelle Be´art. Meisterhaft führen sie in Sautets Filmen die alltäglichen Dramen der französischen Mittelschicht auf, die Krisen und Wechselfälle des Lebens, die Nachdenklichkeit angesichts verwehter Gewissheiten, das Aufbrechen von Leidenschaften und immer wieder die Fragen nach dem Sinn. "Die Bourgeoisie hatte ein Talent, das Leben leicht zu nehmen. Was ich aber zeigen wollte, war die Sinnkrise, die nicht nur die erfasste, die eigentlich alles hatten, sondern auch die, die davon träumten, so zu sein", sagte Sautet einmal. Sein vielleicht größter Erfolg war "Eine einfache Geschichte", die 1980 als bester ausländischer Film mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Dieser Triumph war dann doch nicht der Auftakt zu einer internationalen Karriere, Sautet blieb seiner eher verhaltenen Art, Filme zu drehen, treu.

"Mein Instinkt ist mein kostbarster Besitz", sagte er. Vielleicht sagte ihm sein Instinkt auch, wo seine Grenzen lagen. In seiner 30-jährigen Karriere hat er nur ein reichliches Dutzend Filme gedreht, zuletzt 1995 "Nelly und Monsieur Araud", die Geschichte um die Freundschaft zwischen einer arbeitslosen Frau (Emmanuelle Be´art) und einem alten Mann (Michel Serrault). Drei Jahre zuvor war er in Venedig für "Ein Herz im Winter" mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet worden. 1993 erhielt er dafür auch den Preis der französischen Filmkritik und den César für den besten Regisseur.

von Matthias Gretzschel
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letzte Änderung: 17.08.2000