Mannheimer Morgen
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Mannheimer Morgen, 25. Juli 2000

Der Instinkt und die Dinge des Lebens

NACHRUF: Der französische Filmregisseur Claude Sautet starb mit 76 Jahren an Krebs

Vielleicht ist dies ja das größte Kompliment für einen französischen Regisseur: Kein anderer habe die französische Gesellschaft so genau analysiert wie er, wurde über Claude Sautet gesagt. Dabei war es Sautets Sache nicht, sich wie der sechs Jahre jüngere Claude Chabrol in deutlicher Sozialkritik zu üben. Sautets Name stand für etwas anderes: Seine Kunst war es, Charaktere zu durchleuchten und deren oft wenig spektakulären Hofnungen und Konflikte subtil zu entfalten. Verwirrte Gefühle und kleine Wechselfälle sind es gewesen, an denen er die Wirklichkeit des Daseins zu packen verstand, vor allem anhand der Lebenskrisen gut situierter Normalbürger.

"Mich interessiert das Banale", hat Sautet einmal gesagt. Welche Tiefe er diesem Banalen zu geben verstand, markiert seinen Rang als Regisseur. Unter Beweis stellte er diesen zunächst 1969 mit dem Film "Die Dinge des Lebens". Die Geschichte um einen Architekten (Michel Piccoli), dessen Eheprobleme mit einem Autounfall ein lakonisches Ende finden, bedeutete für den Sohn eines Industriellen den Durchbruch. Die weibliche Hauptrolle spielte Romy Schneider, mit der Sautet noch öfter drehte. Zeugnisse der Zusammenarbeit sind auch "Das Mädchen und der Kommissar" (1970, ebenfalls mit Michel Piccoli) und "Eine einfache Geschichte" (1978), für die Sautet den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt.

"Mein Instinkt ist mein kostbarster Besitz, nur auf ihn kann ich mich verlassen", hat der 1924 in einem Pariser Vorort geborene Filmemacher gesagt. Dass dies so blieb und er in der Fortschreibung seines Leitthemas eine immer größere Virtuosität entwickelte, beweisen seine späteren Werke, etwa "Ein Herz im Winter" (1992) mit Daniel Auteuil als emotional erkalteter Geigenbauer und "Nelly und Monsieur Arnaud" (1995) mit Emmanuelle Béart und Michel Serrault in den Hauptrollen über die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einer jungen Frau und einem älteren Mann. "Auf das nächste Ergebnis dieser Virtuosität darf man gespannt sein", haben wir an dieser Stelle anlässlich von Sautets 75. Geburtstag im Februar vergangenen Jahres geschrieben. Es wird keines mehr geben. Sautet starb, wie gestern bekannt wurde, am Samstag mit 76 Jahren an Krebs.

Von unserem Redaktionsmitglied Thomas Groß
http://www.mamo.de/redak/20000725/html/Article/r060000012_20600.html
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letzte Änderung: 17.08.2000