Nürnberger Zeitung
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Nürnberger Zeitung, 25. Juli 2000

Einfache Geschichten

Der französische Regisseur Claude Sautet ist tot

Ein sensibler und dabei unsentimentaler Beobachter menschlicher Regungen, das, vor allem anderen, ist der französische Regisseur Claude Sautet in allen seinen Filmen gewesen. Er hat gezeigt, dass Verletzungen manchmal ausgeteilt werden wie kleine Seitenhiebe und doch gezielt mitten ins Herz treffen; dass sie sich dort festsetzen, Gefühle auf Dauer blockieren und oft weitergegeben werden. Nicht immer, so teilen Sautets Filme dabei mit, zerspringt Glas klirrend in Scherben, mitunter entsteht nur ein feiner Riss. Dennoch sind kleine, unauffällige Melodramen ebenso schmerzhaft wie die, die sich groß zur Schau stellen.

Sautet wusste, wie genau und zugleich unaufdringlich er die Kamera handhaben musste, damit man all das in seiner Beiläufigkeit wahrnimmt und doch die Spuren sieht, die es hinterlässt. Er wusste, welche Schauspieler dafür geeignet waren, und dass es galt, ihnen nicht große Gesten, sondern subtile Zwischentöne zu entlocken. Denn, was sie zu spielen hatten, waren immer sehr intime, private Figuren, deren Namen nicht zufällig häufig schon im Ti tel der Filme auftauchen: man denke an „César und Rosalie“ (1970), „Mado“ (1976), oder „Nelly und Monsieur Arnaud“ (1995). Individuellen Geschichten gab der Regisseur Raum, und doch stehen die Namen die Namen auch stellvertretend für zahllose andere Menschen – „Die Dinge des Lebens“, Sautets bekanntester Film und immer wieder als Motto seines gesamten Schaffens zitiert, können (fast) jeden treffen.

Sandrine Bonnaire und Emmanuelle Béart waren die Schauspielerinnen, die den Frauenfiguren in seinen späteren Filmen wie „Einige Tage mit mir“ (1989) und seinem letzten Meisterwerk „Ein Herz im Winter“ (1992) jene für Sautet typische Mischung aus Stärke und Sensibilität gegeben haben; davor aber fand er immer wieder in Romy Schneider seine ideale Besetzung. „César und Rosalie“, „Die Dinge des Lebens“ (1969), vor allem auch „Das Mädchen und der Kommissar“ (1970) zeigen auch heute noch, wie sich beide gegenseitig zu Höchstleistungen inspiriert haben. Das Spöttische, das Spröde und die innere Energie dieser Darstellerin hat niemand klüger zusammengeführt als Sautet.

Gefühle ohne Pathos

Ein Regisseur wie Claude Sautet ist kaum vorstellbar in Deutschland, wo immer noch gilt, dass das Anspruchsvolle nur anstrengend sein kann und das Leichte zwangsläufig seicht. Filme jedoch, wie Sautet sie gemacht hat, können Ernsthaftes verhandeln ohne schwer zu wirken, Kompliziertes ohne Berührungsängste auszulösen und – eine Lektion, die das amerikanische Mainstream-Kino wohl nie begreift – Gefühle ohne aufdringliches Pathos. Die wesentlichen Dinge des Lebens ereignen sich oft beklemmend oder befreiend unspektakulär: Romy Schneider und Michel Piccoli müssen sich in „Das Mädchen und der Kommissar“ zum Schluss nur mit Blicken durch eine Autoscheibe ansehen, um nachvollziehen zu lassen, wie ein Verrat alles zerstört hat; und am Ende von „César und Rosalie“ braucht Romy Schneider nur durch die Gartentür zu kommen, um die Möglichkeit einer vielleicht doch harmonischen Dreierbeziehung in Aussicht zu stellen. Einfache Geschichten eben – und immer wieder alles andere als das.

von Tamara Dotterweich
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letzte Änderung: 17.08.2000