Die Presse
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Die Presse, Wien, 25. Juli 2000

Die Dinge des Lebens, tief unter der Eisschicht

Claude Sautet, Romy Schneiders Hausregisseur, ist 76jährig gestorben. Erinnerung an einen Stilisten des Filmmelodrams.

Man mußte den Eindruck gewinnen, daß er an ausgerechnet das, wovon das französische Kino so sehr lebt, nie recht glauben konnte: Die Liebe ist bei Claude Sautet, wohin man blickt, nur eine Utopie, ein schöner Traum, eine Unmöglichkeit von allem Anfang an. So sind seine Filme weniger Liebes- als Sehnsuchtsfilme, Desillusionierungs-Studien, in denen die Sozialverhältnisse stets stärker sind als Herzensdinge. Am Samstag ist Claude Sautet, wie Alain Sarde, sein langjähriger Produzent, mitteilte, in Paris im Alter von 76 Jahren gestorben.

Kaum mehr als ein Dutzend Filme hinterläßt Sautet (in gut vierzig Jahren Regiekarriere), Filme, deren kühne Einfachheit aber, deren Präzision im Alltäglichen auch das 21. Jahrhundert bestens überdauern werden. In der Pariser Vorstadt 1924 geboren, absolviert Sautet erst nach dem Krieg die Filmhochschule. In den fünfziger Jahren assistiert er unter anderem Georges Franju, und auch als Schreiber ist er bald hochgeschätzt: Für Marcel Ophuls, Malle und Deray verfaßt er Drehbücher, parallel bereits zu eigenen Filmprojekten. Anfang der sechziger Jahre dreht er zwei schöne Gangsterfilme um Lino Ventura, erst 1969 aber kann er sich international etablieren: Die Dinge des Lebens, eine Liebes- und Todesphantasie mit Michel Piccoli und Romy Schneider, besticht durch ihren Blick fürs Unspektakuläre, durch das Interesse, das Sautet noch den geringsten Dingen zukommen läßt.

Das Mädchen und der Kommissar bringt 1970 erneut Piccoli und Schneider zusammen, in einer kriminellen Ballade, einem Prototyp des Melodrams von der unerfüllbaren Liebe. Später avanciert Emmanuelle Béart, erstmals in Ein Herz im Winter (1992), zur idealen Heldin der Mikrodramen Sautets: eine Leidende, äußerlich kaum bewegt, eine vieldeutige romantische Projektionsfläche. Nelly & Monsieur Arnaud (1995), Sautets letzter Film, dringt noch einmal hinter die Masken und Fassaden eines scheiternden Paares, eines alternden Autors (Michel Serrault) und seiner Schreibhilfe (Béart). Schauspielerkino hat man diese Art des Filmemachens oft genannt, aber das hat nie zureichend beschrieben, woran Sautet, der kühle Melodramatiker, immer gearbeitet hat: an der Sichtbarmachung innerer, verdrängter thriller nämlich, jener heißen Flammen, die tief unter der Eisschicht in den Menschen ihr zerstörerisches Werk tun.

von Stefan Grissemann, www.diepresse.at
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letzte Änderung: 17.08.2000