Stuttgarter Zeitung
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Stuttgarter Zeitung, 25. Juli 2000

Das Ruhige, das Friedliche

"Mich interessiert das Banale'', hat er einst erklärt, ein Ausspruch, der programmatisch gemeint war: Claude Sautet, der große französische Filmregisseur, der jetzt im sechsundsiebzigsten Jahr in Paris gestorben ist, war kein Freund von wüst-wuchtigen Kinodramen, von Leinwandsagas mit spektakulärem Effekt und grellen Pointen. Er liebte - um es mit dem Titel eines seiner ersten Erfolgsfilme zu sagen - die "Dinge des Lebens'', stets hat er dabei mehr Wert auf Atmosphärisches gelegt als auf spannende Storys. Seine Filme bieten ein Nichts an erzählenswürdiger Handlung. Alles darin ist Geste, Nuance, Blick, subtil durchkosteter Augenblick.

Claude Sautets Spezialität waren und blieben Empfindungsskizzen, Porträts in Bewegung gewissermaßen, Gefühlszustände, kinematografisch notiert, wie sie leichthin und dennoch so schwer beschreiblich, weil ereignisfern, in der Schwebe verharren: Sautets Metier, kurzum, war das "Sichtbarmachen verwirrter Gefühle''. Er selber ähnelte dabei seinen Leinwandhelden: wie sie kämpfte er gegen Irritationen und Ängstigungen, die auch Leuten gehobenen Standes zustoßen können - Schüchternheit, Einsamkeit, Angst vor dem Alter, vor dem Vergessenwerden...

Jahrelang hat man Sautet vorgeworfen, er interessiere sich hauptsächlich für das bourgeoise Milieu, für Menschen, gesegnet mit hinlänglich Zeit und Muße, um ihrem Empfinden nachspüren zu können. In der Tat gehörten seine Hauptfiguren - von den erwähnten "Dingen des Lebens'' bis zu den Filmen "César und Rosalie'' und "Das Mädchen und der Kommissar'' (jeweils mit Romy Schneider) - zunächst ausnahmslos der gehobenen Klasse an. Sein eleganter Erzählstil, seine Identifikationskraft und Sensitivität bewahrten ihn jedoch davor, den Blick nur kalt von außen auf die Welt der Bürger zu richten (wie etwa sein Regiekollege Chabrol), gar in richtender Attitüde von oben herab - nein, dafür liebte Sautet seine Figuren viel zu sehr, dafür steckte er viel zu empathisch in ihnen drin.

Ja, im Grunde waren alle Filme des Claude Sautet Schauspielerfilme. Wer hätte da nicht Figuren vor Augen? Etwa Lino Ventura, bullig, düster, im Film "Der Panther wird gehetzt'', mit dem Sautet sich verfrüht den falschen Ruhm erwarb, er sei ein Spezialist für amerikanische Krimis. Oder, heiterer, Yves Montand als weißgeschürzter "Garçon de café''; oder zuvor Michel Piccoli als scharmutzierender Bauunternehmer (in "Mado''); später Emmanuelle Béart, die anmutige Violinistin, zwischen ihren soignierten Galanen im Film "Ein Herz im Winter'', der 1992 den Silbernen Löwen des Festivals von Venedig erhielt. Schließlich dann, in Sautets letztem überragenden Film vor vier Jahren, nochmals Emmanuelle Béart, die schmollend schöne Lügnerin in der Erzählung von "Nelly und Monsieur Arnaud'' (wirklich, welch unstet-kultiviertes Weib: geht mit Monsieur essen, mit dessen Lektor jedoch ins Bett, was begreiflicherweise die Eifersucht des feinen schreibenden Herrn auf den Plan ruft).

Sautet, der umschweiflos zugab, dass er ohne Musik nicht leben könne und dass er seinen Erfolg hauptsächlich nur dem einen verdanke: seiner Schüchternheit -, Sautet hat sich in seinen Filmen auch selbst porträtiert. Der entsagsame Geigenbauer, dessen Contenance so stark ist, dass er zwar dem alten Vater Sterbehilfe erteilen, nicht aber eine Liebesregung einbekennen kann - das soll, das will auch er sein, der Erzähler der Kinofabel "Ein Herz im Winter'', ein bescheidener Herr, dessen feiner Erzählstil so verführerisch nuanciert Emotionen wie Eifersucht, Freundestreue, Egoismus freizulegen verstand. Sautet erklärte sich seine poesievoll-melancholische Regiekunst ganz simpel, wenn auch selbstsicher: "Meinen Erfolg verdanke ich meiner Schüchternheit. Wenn man schüchtern ist, beobachtet man die anderen und entwickelt dabei große Sensibilität.''

Apropos beobachten: der Pariser Industriellensohn, 1924 geboren, war zur Regie erst spät gekommen, mit sechsunddreißig. Zuvor hatte er eine Dekorationsfachschule besucht, Musikkritiken geschrieben, als Beobachter anderen Regisseuren assistiert und sich als "Drehbuchdoktor'' in der Filmbranche einen Namen gemacht, als einer, den man zum Texten und Szenen-Entwerfen bestellen konnte, wenn alles verloren schien. Ophüls, Rappeneau, Malle, de Broca danken ihm Treatments von atmosphäreträchtigem Raffinement. Als Regisseur wusste der "Spätzünder'' sein Flair für subtile Seelenzustände in Filmen von melancholischer Noblesse zu keltern. Nebenbei, den berühmten Fragebogen des FAZ-Magazins hat er - redaktionelles Versehen? - zweimal ausgefüllt, 1989 und 1993; auf die Frage: "Wie möchten Sie sterben?'' fand er nuancenbewusst unterschiedliche Antwort: erst "ruhig'', dann "friedlich''. Beides, bliebe zu hoffen, war ihm beschieden.

von Ruprecht Skasa-Weiß
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letzte Änderung: 17.08.2000