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Süddeutsche Zeitung, 25. Juli 2000, Seite 19

Der Regisseur für bestimmte Stunden

Der französische Filmemacher Claude Sautet ist gestorben

„Ich liebe diesen Namen, Nelly… Romy sollte eine für mich spielen, vor vielem Jahren schon. Sie hat sich dagegen gesträubt. Später kam dann Emmanuelle… mit ihr war es leichter, sie hatte eine Großmutter, die diesen Namen trug.“

Paare, Cliquen, Partnerschaften: Michel Piccoli und Romy Schneider („Die Dinge des Lebens“ und „Das Mädchen und der Kommissar“), Yves Montand und Romy Schneider („César und Rosalie“), Michel Serrault und Emmanuelle Béart („Nelly & Monsieur Arnaud“). Claude Sautet hat für die Bilder gesorgt, die uns in den Sinn kommen, wenn von diesen Menschen die Rede ist, für die Blicke und Bewegungen, für jene ganz und gar dem Imaginären zugehörigen außergewöhnlichen Konturen, die nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun haben, was man gewöhnlich unter einem Image versteht. Sautet ist es, mit anderen Worten, zu verdanken, dass das moderne französische Kino eine Präsenz hat – er hat sich damit bei einer Aufgabe bewährt, die die Leute der Nouvelle Vague nach dem Tod von Truffaut, dem Weltekel von Godard nicht mehr schafften.

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert hat Claude Sautet ein eigenes Kino en famille gemacht. Filme mit guten Freunden, auf die man sich verlassen konnte, die bereit waren, wenn man sie ansprach auf neue Projekte, für die man sich Geschichten überlegte und Rollen schrieb. Claude Sautet, der Mann mit dem minimalistischen Blick, mit dem Gespür für die sublime mise en scène, war zugleich einer der solidesten Drehbuchschreiber des französischen Kinos – lange hatte er einen exzellenten Ruf als Nothelfer für verkorkste Scripts.

Man darf bei all der Diskretion, der Distanz, die man für seine Filme der Achtziger und Neunziger hegt, ihre delikate Balance zwischen Liebe und Prostitution, diesen durchaus handfesten Sautet nicht übersehen. Das kleine Mädchen Nelly und der lüstern-alte Monsieur Arnaud, das markiert auch ein soziales Gefälle. Sautet hat Kino der Klassen gemacht, die französische Gesellschaft findet sich sehr genau reflektiert bei ihm.

Handfest hat er angefangen, der Industriellensohn, geboren am 23. Februar 1924 im Pariser Vorort Montrouge/Hauts-de-Seine. Er hat die Pariser Filmhochschule, das Idhec besucht, anschließend als Assistent im derb-robusten Genrekino gearbeitet, hat sich hier zur Drehbucharbeit hochgedient, für Georges Franju und Louis Malle, Philippe de Broca und Jacques Deray – auch als er selber schon als Regisseur arbeitete, konnte das französische Starkino auf derlei Dienste nicht verzichten.

Die erste eigene Regie hatte er 1959, im Geburtsjahr der Nouvelle Vague, und parallel zu Godard – „A bout de souffle“ – hat Sautet für seinen Film „Classe tous risques“, in der Hauptrolle Lino Ventura, den blutjungen Belmondo entdeckt. Auch in seinem zweiten Film hat Sautet wieder mit Ventura zusammengearbeitet, „L’arme à gauche“, 1965: „Als Ventura das Drehbuch las“, erinnert sich Sautet, „fragte er sich, was das für ein Typ war, warum er so handelte. Ich antwortete ihm, dass ich das selber nicht genau wüsste – aber dass es einer war, der einen Anker fünfzig Meter weit unter Wasser tragen müsste. Und das musste, wie es so schön heißt, eben sein…“,

Der Beginn im französischen film noir hat Sautet stark geprägt, ferne Echos sind auch in der Melancholie des späten Werks nicht zu überhören. Filme vom Verlieren und vom Versagen, und wie man sich darauf einstellen kann. In diesen frühen Filmen hat Sautet den lakonischen Umgang mit Geschichten gelernt und ein Gefühl der Gemeinsamkeit erfahren, der Solidarität. Er hat mit seinen Paaren, Cliquen, Partnerschaften ein Kino geformt, das jenes Kino der Komplizenschaft weiterführt, das Jean Renoir in den Dreißigern so intensiv gestaltet hatte und das verloren ging, als er nach Hollywood emigrierte. Claude Sautet hat eher Distanz gehalten zum klassischen amerikanischen Studiokino – auch das unterschied ihn von den jungen Wilden der Nouvelle Vague, die Hawks und Welles durchboxten im cineastischen Bewusstsein.

Die Helden in Sautets Filmen sind Virtuosen, und das unterscheidet sie deutlich von den Profis aus Hollywood. Besonders gut erkennt man es in der Art, wie er Emmanuelle Béart filmt, die spätere Nelly, beim Geigenspiel in „Ein Herz im Winter“. Der Filmemacher Sautet blieb ein Liebender, ein Amateur. Als solcher hat er in „Die Dinge des Lebens“ das gemacht, was am schwierigsten ist im Kino, aber auch am schönsten – er hat die verliebten Piccoli und Schneider einfach ein Lied singen lassen. Am Samstag ist Claude Sautet im Alter von 76 Jahren in Paris gestorben.

(Kommentar)
von Fritz Göttler
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letzte Änderung: 17.08.2000