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Süddeutsche Zeitung, 25. Juli 2000, Seite 19

Man wird sehen

(Bericht)

Wer einst dachte, wenn alles gut geht, dann müsse das Leben wie ein Sautet-Film aussehen, der neigt dazu, in diesem Moment sein eigenes Herz zu erforschen. Kann sein, dass es nur an Romy Schneider lag, die in „Die Dinge des Lebens“ mit hochgesteckten Haaren und nur einem Handtuch bekleidet vor der Schreibmaschine saß, als sich Michel Piccoli ihr von hinten näherte. Aber vielleicht besteht das Geheimnis großer Regisseure genau darin: unsere Phantasie mit Bildern zu füttern, die mit unseren Sehnsüchten übereinstimmen.

Oft genug ist es allerdings eine Prüfung, diesen Menschen im wirklichen Leben zu begegnen und festzustellen, dass sie nicht dem Bild gleichen, das wir uns so leichtfertig von ihnen gemacht haben – als wären sie auch nur Figuren, die ihre eigenen Filme bevölkern. Claude Sautet hätte zweifellos auch dort eine gute Figur gemacht, eine stattliche weißhaarige Erscheinung mit großer Nase und freundlichen Augen. Er war bei Tisch ein lebhafter Erzähler mit einem wunderbaren Sinn für Akzente, und diese Leichtigkeit der Rede stand in bemerkenswertem Kontrast zur Behäbigkeit, mit der er seine Sachen zu Papier brachte. Am Ende waren seine Filme dafür von allem Überflüssigen befreit. Vielleicht war es aber auch umgekehrt: dass sie nur noch aus jenen unerzählbaren Resten bestanden, die wir Leben nennen – und sei es nur so etwas wie der Nacken einer Frau mit hochgesteckten Haaren.

Für jemanden, der sich so genau seiner Mittel und Fähigkeiten bewusst war, gab er sich ganz und gar uneitel. Er war zuvorkommend, charmant und für einen Franzosen außerordentlich geduldig, was die Schwierigkeiten anderer mit seiner Sprache angeht. Kurz: Er war sogar besser als seine Filme. Wenn alles gut geht, dachte man, dann möchte man alt werden wie er. Als er das letzte Mal in München war, erklärte er sich dann bereit zu einem langen Interview. Hinterher stellte sich heraus, dass der Recorder nicht aufgenommen hatte.

So bleibt nichts als das Gefühl, einem Menschen begegnet zu sein, der es mit seinen eigenen Filmen – und mit unseren Sehnsüchten – spielend aufnehmen konnte. Und die Erinnerung, dass er auf die Frage, was er als Nächstes mache, nur geantwortet hat: On va voir. Man wird sehen. Man wird es nicht sehen – das ist die schmerzlichste Erkenntnis an einem Tag wie heute.

von Michael Althen
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letzte Änderung: 17.08.2000