Der Tagesspiegel
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Der Tagesspiegel, Nr. 14834 vom 23. Februar 1994

Schöne Dinge mit schönen Frauen.

Der französische Filmregisseur Claude Sautet wird heute 70 Jahre alt.

Man hatte schon gar nicht mehr mit ihm gerechnet, da verblüffte er selbst seine Verächter mit „Ein Herz im Winter”. In Venedig 1992 bekam er einen Silbernen Löwen, auf seine alten Tage praktisch, ein Dutzend Jahre nach seinem größten und einzigen internationalen Erfolg. Als ihm Hollywood für „Eine einfache Geschichte” („Une histoire simple”) mit Romy Schneider 1980 den Oscar für den besten ausländischen Film zuerkannte, hätte das entweder die Krönung seines Lebenswerks oder der Beginn einer großen internationalen Karriere sein können. Doch es war nur der Anfang der Stagnation.

Einer neuen Stagnation im Leben des Claude Sautet als Künstler. Spross einer Industriellenfamilie und sozusagen vom Feinsten, wie unter den anderen französischen Filmemachern zum Beispiel auch Louis Malle, hat er sich, wie Malle, mit seinen Filmen nie einordnen lassen. Nach einer exzellenten Ausbildung (Ecole Nationale Superieure des Arts Decoratifs) wurde er zunächst Sozialarbeiter, ging dann, noch einmal wie Malle, ans berühmte Institut des Hautes Etudes Cinematographiques, das IDHEC, wo er sich, ein letztes Mal wie Malle, mit gleichfalls hochbegabten Cineasten aus Bourgeoisie und Kleinbürgertum, mit Leuten wie Chabrol und Godard, nicht so richtig anfreunden konnte.

Gleichzeitig mit der Nouvelle Vague, der er selbst nie zuzurechnen war, drehte er seine ersten Filme — nach langen Jahren der Arbeit als Musikkritiker und Drehbuchautor. Und während er mit seinen Drehbüchern für Marcel Ophuls und Louis Malle, Philippe de Broca und Jacques Deray und oft auch nur mit Ratschlägen und Verbesserungen, die in den Credits keine Erwähnung finden, mehr zum Erfolg des französischen Kinos beitrug, als jemals bekannt werden konnte, blieb er als Regisseur zunächst ohne besondere Wirkung.

Dabei war er es, der zum Beispiel dem späteren Superstar Lino Ventura zu seinem ersten größeren Erfolg verhalf. Er hatte ihn sozusagen von ihrer beider Lehrmeister Jacques Becker übernommen, dem er auch mit seinen ersten beiden Filmen im Genre des „film policier”, des „polar” nacheiferte, vor allem mit „Classe tous risque” („Der Panther wird gehetzt”) von 1959. Man kann diesen Regisseur an seinen Schauspielern und wie er sie führt erkennen: nach Lino Ventura, Yves Montand und Michel Piccoli später Daniel Auteuil, nach Romy Schneider, die, auch für Claude Sautet, viel zu früh starb, Sandrine Bonnaire und Emmanuelle Béart. Sie alle verdanken ihm ihre schönsten Rollen, Rollen der Lebenskrisen, der Nachdenklichkeit in den kleinen Wechselfällen des Lebens, die zu großen Katastrophen führen können, Rollen von intensiver Sensibilität, Rollen auch der bewußten Lebensverzögerung. Mit dem Blick auf das sehr schmale OEuvre – in bald dreißig Jahren nicht viel mehr als ein Dutzend Filme – könnte man im Zögern und Verschleppen, im langen, ausführlichen Nachdenken Sautets Lebensthema schlechthin erkennen. Er geht lange mit den Figuren seiner Phantasie um, bis sie sich selbständig zu machen scheinen und er ihnen, indem er schreibt und inszeniert, nur noch nachzuspüren scheint. Er drängt ihnen nichts auf. Skrupel zu haben, ist seine vornehmste Tugend.

Auch wenn man selber zögern würde, ihn zu den ganz Großen des französischen Kinos zu zählen, trotz „Mado” und „Garcons!”, „Cesar und Rosalie” oder „Vincent, Francois, Paul und die anderen”, so ist er doch einer der Empfindlichsten und einer, der mit seinen Filmen zu berühren versteht. Nicht von ungefähr vor allem „Frauenfilmer” – wie Truffaut weiß er, daß Filmemachen bedeutet, mit schönen Frauen schöne Dinge zu tun –, vereinigt er wie kaum ein anderer Gefühl und Kalkül, Emotionalität und Verstand. Zufälle gibt es in seinen Filmen nicht. So ist es auch kein Zufall, daß ihm mit „Un coeur en hiver” („Ein Herz im Winter”) sein Meisterwerk gelungen ist — weil er in dem Geigenvirtuosenstück miteinander verbinden konnte, was ihm am liebsten ist: Musik und Schauspielerführung, Ravel und Béart und Auteuil.

Mit Sandrine Bonnaire hatte er diesen eigenwillig introvertierten Typ schon in „Quelques jours avec moi” („Einige Tage mit mir”) zusammengeführt, in dieser Studie der Begegnung zweier Monaden, die sich wider Erwarten aufeinander einlassen. Es sind keine einfachen Geschichten, die Sautet erzählt, auch wenn die Filme so heißen mögen. Vor allem aber sind sie, auch wenn sie so auszusehen scheinen, nicht realistisch. „Realismus”, sagt er, „ist ein trügerisches Wort. Schon die Dauer eines Films zeigt, dass von Realismus nicht die Rede sein kann.”

von Peter W. Jansen
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letzte Änderung: 17.08.2000