Der Tagesspiegel
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Der Tagesspiegel, 25. Juli 2000

Claude Sautet ist tot

Ein Einzelgänger im Schatten der "Neuen Welle" - Der französische Filmregisseur ist gestorben

Je älter er wurde, desto besser waren die Filme, die er machte, ein Phänomen zumal beim Film, bei dem der Verschleiss der Kreativität über alle Vorstellungen geht. Ließ "Ein Herz im Winter" (1992), diese kalt bis ans Herz hinan inszenierte unvollendete Liebesaffäre, schon den Atem stocken, so war "Nelly & Monsieur Arnaud" (1995) das geradezu jede Kritik ausschliessende, sich seiner selbst bewusste Alterswerk über die Begegnung des Alters mit der Jugend, ohne jedes Vorurteil, ohne jeden Vorwurf. Nicht vollzogene, hoch erotische, aber nahezu asexuelle Liebesgeschichten könnte man beide Filme nennen, und nicht sexuell sind sie nicht, weil Sex nicht möglich wäre.

Um Sex geht es einfach nicht, sondern um viel intensivere Beziehungen, die umso intimer sind, je mehr Fremdheit sie offenbaren. Stephane hat die Geliebte seines Partners und Freundes Maxime in sich verliebt gemacht, aber dann demonstriert er, dass er mehr nie hatte erreichen wollen; er könnte fast ein Geschöpf von Kierkegaard sein. Heiss und kalt, leidenschaftlich vital und extrem konstruiert ist "Ein Herz im Winter", so wie die Musik von Maurice Ravel, die den Film intoniert.

Musik spielt in allen Filmen von Claude Sautet eine bisher wenig beachtete Rolle: Sie prägt die Handlung, trägt zu ihr bei, gehört zu den Hauptdarstellern. Kein Wunder bei dem ehemaligen Musikkritiker. Während er für die Zeitschrift "Combat" schrieb, studierte der Sohn eines Geschäftsmanns nach einem abgebrochenen Studium an der Hochschule für Angewandte Kunst, Ende der vierziger Jahre an der berühmten Pariser Filmschule. Dass er dort in denselben Vorführ- und Schneideräumen saß und die gleichen Bücher las wie knapp zehn Jahre später die jungen Cineasten, die für die "Cahiers du Cinema" schrieben und Truffaut, Godard, Rivette, Chabrol hiessen - nichts davon hat die Biografie Sautets berührt.

Er war der perfekte Einzelgänger, arbeitete als Techniker und Regie-Assistent und schrieb Drehbücher, unter anderem für Marcel Ophuls, Philippe de Broca und Jean-Paul Rappeneau. So schrieb er auch für sich selbst, für die eigenen Filme, wie für "Classe tous risques" (Der Panther wird gehetzt), indem er den wenig anrührenden Protagonisten eines Kriminalromans von Jose Giovanni die Wärme einhauchte, die er den Gestalten der Spätwerke verweigern wird. Der Film führte den damals noch wenig bekannten Lino Ventura und Jean-Paul Belmondo zusammen. Der war im selben Jahr, 1960, der Kleingangster Michel Poiccard in Godards Debüt "Ausser Atem", dem Film der Nouvelle Vague, der auch "Classe tous risques" den Atem nahm.

Sautet befand sich stets im Schatten der "Neuen Welle" - er, der sich nach einer Reihe von psychologisch ausserordentlich dichten Kriminalfilmen seiner eigenen Klasse, der Bourgoisie zuwandte. Seine thematisch mit den Stoffen von Claude Chabrol verwandten Filme ("Die Dinge des Lebens", "Mado") aber haben nichts von Chabrols beissender, oft bis zum Zynismus reichender Kritik; sie sind in der Betrachtung bürgerlicher Rituale eher voller Sympathie für die sich im Leben verirrenden und scheiternden Menschen.

Fast alle bedeutenden Darsteller Frankreichs haben unter seiner präzisen Regie gespielt, Yves Montand so gut wie Michel Piccoli, der zeitweilig Sautets alter ego zu sein schien. Sandrine Bonnaire ("Einige Tage mit mir") und Emmanuelle Beart verdanken ihm ihre schönsten darstellerischen Leistungen. Und, immer wieder, Romy Schneider, die zu ihm zu gehören schien wie zu keinem anderen Regisseur; "Das Mädchen und der Kommissar" (mit Piccoli) ist vielleicht ihr bester Film überhaupt.

Er hat nur ein gutes Dutzend Filme gemacht, denn er brauchte viel Zeit, manchmal fünf Jahre, ehe er zu einer neuen Arbeit bereit war. Er war skrupulös wie kaum einer, ob er nun einen "kommerziellen" Film machte oder einen mit höheren Ambitionen. Dabei hat er nie Wert darauf gelegt, etwas Neues zu erfinden, sondern er folgte dem klassischen Kanon der Filmsprache, indem er an ihr feilte und schliff, bis sie die kristallene Schönheit hatte, die sein Werk auszeichnet.

von Peter W. Jansen
http://www2.tagesspiegel.de/archiv/2000/07/24/ak-ku-fi-9304.html
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letzte Änderung: 17.08.2000