Tages-Anzeiger
gif.gif (807 Byte) gif.gif (807 Byte) gif.gif (807 Byte)
gif.gif (807 Byte)

Tages-Anzeiger, Zürich, 25. Juli 2000

Gut kaschierte Illusionslosigkeit

Der Filmregisseur Claude Sautet ist am Samstag im Alter von 76 Jahren gestorben. Unter den Chronisten der französischen Bourgoisie war er einer der leichtesten und hellsichtigsten zugleich.

Seinen letzten Film, "Nelly et Monsieur Arnaud" (1995) hat er eine Komödie der Ungewissheit genannt und dabei sein eigenes Œuvre nicht schlecht charakterisiert. Der Film schildert die Begegnung eines kultivierten älteren Herrn ohne nennenswerte Sorgen mit einer jungen Frau, die sich erniedrigt fühlt vom Phlegma ihres Mannes. Ihre Geschichte ist zunächst die eines Tauschgeschäfts - er bittet sie, ein Manuskript für ihn in den Computer zu tippen. Bald wird sie zu einem Spiel, schliesslich zu einer unergründlichen Seelenverwandtschaft. Ihre wahren Gefühle sollen das Geheimnis ihrer letzten Umarmung bleiben.

Den meisten Regisseuren wäre dies ein zu nichtiger Anlass für einen Film gewesen. Claude Sautet hingegen scheute vor den spektakulären Ereignissen und gewichtigen Themen zurück; seine Filme hätten schwer an ihnen zu tragen gehabt. Eine Tragödie ohne Konflikt hatte die Filmzeitschrift "Positif" seinen vorletzten Film, "Un cœur en hiver" (1992), genannt, nicht nur aus Lust am Paradoxon: Mit ein paar Blicken, einigen heftigen Worten und einer Ohrfeige ist es da um die Liebe geschehen. Verhaltene Leidenschaft, Grausamkeit und fiebrige Strenge treten in seinem Meisterwerk in Wechselrede; die Hysterie ist Sautets Weltsicht fern. Ihn fesselten die leisen Zwischenspiele, die tagtäglichen Ungewissheiten, die flüchtigen Lebenskrisen. Er spürte den Hinterhalten nach, die in beiläufigen Gesprächen lauern, er zog die Schärfe nach, wo die Konturen des Alltäglichen zu verschwimmen drohen. Es fällt nicht schwer, sich ihn als einen ausdauernden und empfindsamen Flaneur vorzustellen, der seinem letzten Helden, Monsieur Arnaud, gleich die Quartiere von Paris durchmisst, um in den Strassen und auf den Plätzen, vor allem aber an den Tischen der Cafés seiner leidenschaftlichen Neugier nachzugehen. Für Monsieur Arnaud bedeutete das Flanieren Zerstreuung, für Claude Sautet war es ein Mandat.

Mit Schreiben angefangen

Über seine ersten Regieversuche in den frühen Fünfzigern sprach der 1924 in Montrouge, einem Pariser Vorort, geborene Sautet nur ungern; nicht einmal als Fingerübungen wollte er sie nachträglich rehabilitieren. Mit "Classe tous risques" legte er indes 1959 einen atmosphärisch dichten Kriminalfilm vor, der den Vergleich mit Jean-Pierre Melville nicht zu scheuen brauchte. Dennoch blieb seine Regiekarriere zunächst unentschieden. Er schrieb Drehbücher für Georges Franju, Philippe de Broca, Jean-Paul Rappenau und andere - auch später, als er längst ein etablierter Regisseur war, half er als Skript-Doktor noch Freunden wie Robert Enrico oder Louis Malle aus. Es brauchte noch zehn Jahre, bevor er mit "Les choses de la vie" (1969) zu seinem Stil (und seinem Star Romy Schneider) fand.

François Truffaut hat ihn als den "französischsten aller Regisseure" gerühmt: Schon in einer knappen Bistroszene gelang es ihm, eine Vielzahl von Geschichten und Schicksale eines ganzen Ensembles von Figuren zu verknüpfen. Dieser Ensemblecharakter verlieh seinen Filmen aus den frühen Siebzigern - er nannte sie chorale Filme - eine ganz eigentümliche Vitalität: Das Ensemble von Freunden, Kollegen und Bekannten geriet mitunter zum tröstlichen Spiegel für die Protagonisten; um sie herum wurden alte Gefühle und Bindungen verarbeitet oder neue Wunden aufgerissen, die mit der Zeit vernarbten. "Vincent, François, Paul et les autres" (1974) und "Une histoire simple" (1977) waren auch ein Mosaik vielfältiger Lern- und Reifeprozesse, schilderten zaghaft, wie man sich in seinem Leben einrichtet mit den kleinen Tragödien.

Immer den Gefühlen nach

Mit den Jahren inszenierte Sautet immer verhaltener, einzig die Gefühle und Gesten seiner Figuren waren die Beweggründe seiner Kamera. Dabei warf er ein überaus engmaschiges Netz der Bilder und Töne über seine Akteure, tauchte die Dekors in ihre jeweiligen Lebensfarben und verlieh den Requisiten erzählerische Dichte. Glasscheiben, Fenster und Spiegel brechen diskret, aber beharrlich den Blick des Zuschauers; die Figuren entziehen sich ihm. Sein bevorzugter Kameramann der Siebziger, Jean Boffety, arbeitete mit extrem langen Brennweiten, die immer wieder die Distanz zu den Figuren überwinden mussten. In den letzten Filmen näherte er sich ihnen von vornherein, hat sich gleichsam beim Filmen geöffnet: ohne Angst, sich zu entblössen.

Sein Blick konzentrierte sich seit "Mado" (1976) und spätestens "Quelques jours avec moi" (1988) mit immer grösserer Schärfe auf einzelne Charaktere, fand zu einer Konzentration, einem Purismus, der die Genauigkeit seiner Studien unterstrich. Als ich ihn das erste Mal traf, 1989, war ich einigermassen erschüttert darüber, wie scharf und schonungslos er seine Figuren im Gespräch konturierte, sie etwa als blutige Frauenhasser oder Machiavellisten bezeichnete. Der leichte Tonfall, die komödiantische Brechung seiner Filme hatten bis dahin die tiefgründige Düsterkeit und Illusionslosigkeit seiner Vision vor mir verborgen.

Die letzten Geheimnisse gewahrt

Die offenkundige Komplizenschaft, die er für die Robustheit und Unverwüstlichkeit seiner bürgerlichen Alltagshelden hegte, machte es den Kritikern ausserhalb Frankreichs immer wieder schwer, ihn präzis einzuordnen als Chronisten der französischen Bourgeoisie: Von der bitteren Schärfe eines Chabrol war er ebenso weit entfernt wie von der gelackten Melodramatik eines Claude Lelouch. Er urteilte nicht, er porträtierte. Die Delikatesse, mit der dieser Pointillist menschlicher Beziehungen seine Figuren zeichnete, täuschte leicht darüber hinweg, wie klar und hellsichtig er sie analysierte. Und doch verrieten seine Filme ein melancholisches Einverständnis mit dem Leben. Er wusste manches Geheimnis seiner Figuren grosszügig zu bewahren.

von Gerhard Midding
gif.gif (807 Byte)
gif.gif (807 Byte) gif.gif (807 Byte) gif.gif (807 Byte)
Zurück
herz@ein-herz-im-winter.de Copyright 1999–2003, Oliver Braun, Berlin
letzte Änderung: 17.08.2000