Die Welt
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Die Welt, 25. Juli 2000

Die Dinge des Lebens

Der Antipode Jean-Luc Godards: Zum Tode des französischen Regisseurs Claude Sautet

Die Nachricht vom Tode Claude Sautets, der am Samstag im Alter von 76 Jahren gestorben ist, erschüttert mich tief. Nicht nur, weil es keine Bilder mehr geben wird von diesem Filmemacher, der das französische Kino der letzten 30 Jahre prägte wie nur wenige. Er hatte uns ja in den letzten Jahren seiner schon ein wenig entwöhnt, und - so merkt man erst jetzt - mit seinem letzten Film "Nellie und Mr. Arnaud" einen melancholischen Schlusspunkt gesetzt. Was sollte danach noch kommen? Nein, die Nachricht ist für alle jene, die Frankreich und Paris kennen und lieben, auch traurig auf andere Weise: Sie gleicht der hilflosen Melancholie, mit der man die Zerstörungen der unaufhaltsamen Modernität in der Stadt, die man liebt, wahrnimmt.

Es ist nicht unzulässig, in Claude Sautet, der 1924 in Montrouge bei Paris geboren wurde, also älter war als die Regisseure der Nouvelle Vague, jedoch im selben Jahr debütierte wie Jean-Luc Godard, dessen großen Antipoden zu sehen. Hier der Handwerker, dort der Theoretiker, hier der Verfechter eines Drehbuch-Kinos, dort der Ästhet der moralischen Kamera, hier der Geburtshelfer großer Schauspieler, dort der avantgardistische Despot. Nicht umsonst war Sautet während der Dezennie der neuen Welle quasi arbeitslos und musste sich als "Drehbuchdoktor", als Verbesserer verunglückter Szenarien durchschlagen. Und nicht per Zufall schlug seine Stunde, sein Jahrzehnt, die Siebziger, als die ästhetische Revolution gegen die so ganannte "Qualité Francaise" sich totgelaufen hatte. Claude Sautet war ein konservativer Regisseur, so wie alle Meister, die vom perfekten Handwerk kommen, es nicht nötig haben, ihre Kunst bannergleich vor sich herzutragen, nicht Jean Renoir, nicht Howard Hawks, nicht John Ford.

Sautets Regielaufbahn lässt sich unschwer in drei Epochen teilen. Das Debüt mit dem Krimi "Classe tout risques" von 1959, das trotz Jungstar Jean-Paul Belmondo und Lino Ventura floppte, und die nachfolgenden diskreten Jahre als Drehbuchautor, von der "Nouvelle Vague" ins Abseits gedrängt. Der Paukenschlag zehn Jahre darauf, "Les Choses de la Vie" ("Die Dinge des Lebens"), erste Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Jean-Loup Dabadie, der seine großen Erfolge der nächsten Jahre schreiben sollte, erste Zusammenarbeit mit Romy Schneider, die, den Sissi-Rollen entlaufen, durch die Schule Viscontis gegangen, erst dank Sautet zur Ikone der emanzipierten Frau und zur unvergesslichen Schauspielerin wurde.

Danach folgen Schlag auf Schlag die Meisterwerke, die Sautets Ruhm begründeten und ihn zum "Regisseur der desillusionierten 40-Jährigen", zum "Chronisten der Siebziger-Jahre", zum "Schilderer des Kleinbürgertums in der Wirtschaftskrise", zum "Historiker des Frankreichs der Giscard-Ära" machten, und was dergleichen Klischees noch mehr sind, die ihn seither verfolgen.

"Max et les Ferrailleurs" von 1970 ("Das Mädchen und der Kommissar"), "César und Rosalie" zwei Jahre darauf, dann 1973 der vielleicht beeindruckendste Film dieser Epoche, "Vincent, Francois, Paul et les autres", 1976 die bereits verdüsterte "Mado" und dann 1983 "Garçon", tragikomischer Schwanengesang auf den Mann und Macho, der es nicht fertig bringt zu altern, ein unverständlicher Misserfolg bei Kritik und Publikum, der Sautet mehr als vier Jahre lang verstummen lässt.

Nach diesem - verbitterten? - Schweigen ist er plötzlich wieder da, als wäre er nie fort gewesen, mit einem neuen Drehbuchautor, mit einem neuen Alter Ego: Die beiden Schauspieler, die mit Sautet in den Siebzigern zu Inbildern der Männer in der geistigen, erotischen, beruflichen Midlife-Crisis geworden waren, Michel Piccoli und Yves Montand, sind durch den eine Generation jüngeren Daniel Auteuil ersetzt. Trotz des Blickwinkels dieses jungen Mannes, der nicht mehr die gleichen Lebenserfahrungen wie sein Regisseur hat, entsteht hier, es ist deutlich zu spüren, ein Alterswerk.

Drei Filme, in denen es nicht mehr in erster Linie ums Zeitkolorit geht, sondern, in der Art japanischer Tuschezeichnungen, von allem Überfluss befreit, um aus der Zeit und ihrem Leben gefallene Sonderlinge. "Quelques Jours avec moi" über einen verstörten reichen Erben, "Un coeur en hiver", über die Liebesunfähigkeit eines Geigenbauers, und dann das Testament "Nellie und Mr. Arnaud", die Geschichte eines alten Mannes und einer jungen Frau, eine zwischen gegenseitigem Ausnützen und Liebe seltsam in der Schwebe gehaltene Beziehung. Auf dem Set wurde viel über die physische Mimikry des Hauptdarstellers, des genialen Michel Serrault, mit seinem Regisseur gemunkelt. Jetzt weiß man, es war ein autobiografischer Abschied von der Liebe und vom Leben.

Betrachtet man Sautets gelungenste Werke - sie sind es alle, aber diese drei transzendieren in die große Kunst und sind eines John Ford, eines Fellini, eines Ozu würdig, sowohl der Form als dem Gehalt nach - "César und Rosalie", "Vincent, Francois, Paul ..." und "Un coeur en hiver", so fällt auf, dass in allen das handwerkliche Niveau so hoch ist, dass die Arbeit, die Anstrengung nirgendwo zu spüren und ganz in den Dienst der Handlung gestellt ist: vom Aufbau des Drehbuchs über die Qualität der Dialoge und die Führung der Schauspieler - Himmel, wer Piccoli, Montand und Reggiani hat miteinander reden und streiten sehen, wird nie mehr auf die Idee kommen können, dass die theatralischen Handbewegungen und das Geknödele, das einem Pacino oder Hoffman im Actors' Studio beigebracht wurde, lebensnahe Kunst sei! - bis hin zur Kamera- und Schnittarbeit - diese Schüsse auf verregnete Glasscheiben von Brasserien, hinter denen Romy Schneider hastig ihren Kaffee kippt!

Zum Schluss noch ein Wort über die Bilder: Das Haus am Meer in "César und Rosalie", Reggianis Wochenendvilla oder Montands Schrottplatz in "Vincent ...", die Werkstatt der Geigenbauer Autueil und Dussollier, die Brasserie in "Garçon!" - man versuche einmal, das Gedränge, Gehetze, ja den Geruch eines Restaurants so einzufangen wie in diesem Film, um zu erkennen, welcher Meister hier am Werk war! Es sind keine epiphanischen Visionen wie bei Tarkowski oder Angelopoulos, sondern Ikonen des Alltags, die durch die Selbstverständlichkeit, mit denen sie in die Handlung einbezogen sind, ihre hintergründige Kraft entfalten.

Es wäre noch viel zu sagen über Claude Sautet, aber nichts, was ein Wiedersehen mit seinen Filmen ersetzen könnte. Denn diese Kunst passt in keine theoretische Zwangsjacke, sie bricht mit jeder ihrer Einstellungen aus allen Dogmen aus. Daher sollen die letzten Worte dieser Hommage Sautet selbst überlassen bleiben. Es sind seine Antworten auf die Frage, warum er filme: "Weil es mir Spaß macht." "Weil ich als Kind lange Zeit ängstlich und stumm geblieben bin." "Weil ich nie das Medium der Sprache gemeistert habe - ich liebte nur die Musik." "Und schließlich, weil es sich aus den Zufällen des Lebens - und des Glücks - so ergeben hat, dass Filmemachen für mich das einzige Mittel wurde, mit den anderen zu kommunizieren - mehr oder minder deutlich."

von Michael Kleeberg
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letzte Änderung: 17.08.2000