Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Juli 2000

Einige Tage mit mir und dir und ihnen

Der diskrete Charme der Bourgeoisie: Zum Tod des französischen Filmregisseurs Claude Sautet

Ein Architekt fährt in seinem Sportwagen über Land. Es ist Nacht, er tritt aufs Gas, auf einmal steht ein anderes Auto quer. Pierre, gespielt von Michel Piccoli, liegt im Straßengraben. Sterbend sieht er sein Leben vorüberziehen: die Ehefrau und den kleinen Sohn in glücklicheren Tagen, im Hobbykeller, am Meeresstrand, dann die Geliebte, mit der er sich gerade gestritten und der er einen Abschiedsbrief geschrieben hat, die Stunden in Hotelzimmern, die Lügen, die gestohlene Zeit. War das alles? Waren das die Dinge des Lebens: Liebe, Familie, Beruf? Oder kann man mehr gewinnen in der Lotterie des Glücks?

Der französische Filmregisseur Claude Sautet hat solche Fragen immer wieder gestellt, nicht laut und pathetisch, sondern leise, mit dem zögernden Gestus der Melancholie. Der Film, mit dem er vor dreißig Jahren bekannt wurde, „Die Dinge des Lebens”, schlägt bereits den Ton an, der für Sautets Kinoerzählungen typisch wurde, ein Ineinander von Überschwang und Trauer, eine bürgerliche Lust am Dasein, die sich an den Widersprüchen des Alltags bricht. Nicht zufällig wurden Romy Schneider und Michel Piccoli, zwei Akteure mit einem besonderen Talent zur Darstellung verunsicherter, zweifelnder, aber mit einem nervösen Lebenswillen begabter Charaktere, zu Lieblingsschauspielern Sautets. In „Das Mädchen und der Kommissar” (1971), „Cesar und Rosalie” (1972) und besonders in „Mado” (1976) ließ er die beiden in wechselnden Konstellationen als Liebende, Eifersüchtige, Betrüger und Betrogene auftreten, und jedesmal gelang es ihm, die verborgensten Sehnsüchte der Figuren zum Vorschein zu bringen, ohne sie zu denunzieren. Als Romy Schneider 1982 starb, geriet auch Sautets Werk in eine Krise. Erst Ende der achtziger Jahre fand er in Emmanuelle Beart und Sandrine Bonnaire zwei Schauspielerinnen, mit denen er auf ähnlich symbiotische Weise zusammenarbeiten konnte.

Der Durchschnittsbürger, im europäischen Kino der sechziger und frühen siebziger Jahre das Feindbild schlechthin, wurde menschlich unter Sautets Blick. Jenem diskreten Charme der Bourgeoisie, von dem ein Filmtitel Luis Buñuels kündet, galt Sautets besondere Zuneigung. Seine Protagonisten waren nicht selten erfolgreiche Geschäftsmänner mittleren Alters, Bauunternehmer, Firmenerben, Leute, die sich alles leisten können, ohne zu wissen, wofür. In „Einige Tage mit mir” (1989) spielt Daniel Auteuil den Erben einer Supermarktkette, der von seinen Eltern in die französische Provinzstadt Limoges geschickt wird, um das wahre Leben zu entdecken. Als er Francine (Sandrine Bonnaire) kennen lernt, begreift er, was er bisher versäumt hat. Unter dem Beifall der Provinzhonoratioren beginnt er eine Art öffentliches Abenteuer, bei dem die gesellschaftlichen Klassenunterschiede beinahe verwischt werden. Aber am Ende kehrt jeder doch in seine Welt zurück. Das Leben ist bei Sautet nicht so aufregend wie sonst im Kino; dafür ist es wahrer.

Er liebe das Banale, hat Sautet einmal erklärt, und im Fragebogen der F.A.Z. bezeichnete er es als sein größtes Glück, mit seiner Frau und Freunden zusammenzusein. Diese Bescheidenheit, die mit Beschränktheit nichts zu tun hat, übertrug sich auf Sautets Geschichten. Sie gehen tief, ohne viel von sich her zu machen. Der stille Geigenbauer Stephane, von dem „Ein Herz im Winter” (1992) erzählt, war auch ein Porträt des Regisseurs, seiner Ruhe, seines Stolzes, seiner Genauigkeit.

Sautets letzter, vor fünf Jahren entstandener Film „Nelly und Monsieur Arnaud” berichtet von einem pensionierten Diplomaten (Michel Serrault) und der jungen Frau (Emmanuelle Beart), der er seine Memoiren diktiert. Eines Tages ist Nelly gezwungen, bei Monsieur Arnaud zu übernachten. Er schleicht sich in ihr Zimmer. Sie liegt im Bett, halb nackt. Er streckt die Hand nach ihr aus, wartend, vorsichtig. Doch er berührt sie nicht. Kurze Zeit später verlieren sie sich für immer aus den Augen.

Am Samstag ist Claude Sautet in Paris einem Krebsleiden erlegen. Er wurde 76 Jahre alt.

von Andreas Kilb
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letzte Änderung: 17.08.2000