Süddeutsche Zeitung
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Süddeutsche Zeitung, Nr. 147/1993 vom 30. Juni 1993, Seite f14

Der diskrete Charme der Bourgeoisie.

Zur Hommage an Claude Sautet: Vollendetes Spiel mit der Form

So, hofften wir, sollte das Leben später einmal aussehen. So, dachten wir in den Filmen von Claude Sautet, muß s sein, wenn man erwachsen ist. Dort sah man eine Welt, in der sich Männer rasierten und Frauen in den Nacken küssen durften, die morgens nur mit einem Handtuch bekleidet mit hochgesteckten Haaren am Tisch saßen. Eine Welt also, in der Erwachsene mit größter Selbstverständlichkeit all das taten, wovon man als Jugendlicher nur träumen konnte. Und dabei machten sie einen wesentlich glaubwürdigeren Eindruck als all die Gangster und Piraten, deren Leben durchaus auch erstrebenswert erschien, aber nie ernsthaft als Entwurf taugte.

Er sei als Kind sehr schüchtern gewesen, hat Sautet mal in einem Interview gesagt. Dadurch entwickle man automatisch eine gewisse Beobachtungsgabe. Dadurch erklärt sich aber vielleicht auch, könnte man hinzufügen, warum er nie wieder zurückblickte. Wo andere Regisseure früher oder später ihre Kindheit aufarbeiteten, hat Sautet nur Filme über und für Erwachsene gemacht. Auch wenn seine Helden unter Umständen Kinder haben, so spielen sie doch keine größere Rolle als all die anderen Dinge des Lebens: Bei Tisch sitzen, Wein trinken, Affären haben, Auto fahren oder was es sonst noch an erwachsenen Vergnügungen gibt.

Wie kein anderer versteht es Sautet, vom diskreten Charme der Bourgeoisie zu erzählen, von jenem Savoir-vivre, dem es vor allem um die Wahrung der Form geht, und das damit die Gleichförmigkeit des Lebens zur Kunst erhebt. Nirgendwo sonst scheinen die gesellschaftlichen Formen, dieses Zusammenspiel von Tischsitten, Benimmregeln und anderen Zwängen, auf so natürliche Weise zu funktionieren wie hier. Und keine elterliche Belehrung konnte uns je so gut begreiflich machen, warum diese Art von Zivilisiertheit etwas Erstrebenswertes ist. Zur Illustration sollte man sich nur mal in „Ein Herz im Winter” jene Choreographie von Zuvorkommenheit und Wohlerzogenheit ansehen, die die Bewegungen der Geschichte begleitet.

Dabei leugnet Sautet nie, wie gut diese Formen auch als Versteck taugen, um Gefühle zu verbergen oder Konflikte zu verdrängen. Der Lüge und der Heuchelei dienen sie genauso oft als Instrument wie der Freundschaft und dem Glück. Um zu sehen, was Sautet vom Konformisten unterscheidet, muß man sich nur die Filme von Claude Lelouch ansehen, die viel seltener bis an jenen Punkt gehen, wo es anfängt weh zu tun. Gerade in seinen späten Filmen „Mado”, „Garcon” oder „Un coeur en hiver” kommt auf schmerzliche Weise zum Ausdruck, wie schnell die Leichtigkeit in einen Leichtsinn im Umgang mit Gefühlen mündet und wie sehr das Savoir-vivre darueber hinwegtäuschen kann, daß man eigentlich nicht mehr ein noch aus weiß. Nirgends wird das schöner und brutaler gezeigt als in seinem neuen Film, in dem das Spiel mit der Liebe bitterer Ernst wird und die Choreographie der Gefühle mit umwerfender Präzision ein Leben zerstört. Da erweist sich Sautet wieder einmal als großer Stilist: Alles ist bei ihm Formsache.

von Michael Althen
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